Streben nach „Einheit des Wissens“
Das maßlose Weltreich der Biologie

Die Soziobiologie beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit den biologischen Grundlagen sozialen Verhaltens und verbindet damit eine Natur- mit einer Geisteswissenschaft. Ihr Urvater, der Harvard-Forscher Edward O. Wilson, fordert mittlerweile eine weiter gehende Vereinheitlichung und Vernetzung des Wissens – ein Projekt, das auch in Deutschland Unterstützung findet.

DÜSSELDORF. Die Großzügigkeit eines großen Spenders – sagen wir ruhig Bill Gates oder George Soros – gilt nicht nur dem Empfänger der Wohltaten, sondern auch dem „Altruisten“ selbst. Diese entschleiernde Erkenntnis und viele andere verdankt die moderne Welt der jungen Disziplin der Soziobiologie. Ähnlich wie der Pfau nämlich mit seinem scheinbar unnützen, verschwenderischen Rad, sendet der reiche Wohltäter ein „teures Signal“ aus. Soziale Signale sind nur dann glaubwürdig, wenn der Signalgeber ein „Handicap“ in Kauf nimmt. Im Alltag nennt man das auch Angeberei: „Seht, was ich mir finanziell/energetisch leisten kann.“ Ob Pfauenrad oder Milliardärsstiftung, „was man nicht sehen kann, nämlich das, was Biologen metaphorisch ‚gute Gene’ nennen, wird kommuniziert, und zwar auf eine fälschungssichere Art und Weise“, schreibt der Soziobiologe Eckart Voland in seiner Artikelserie „Grundkurs Soziobiologie“ in der FAZ.

Soziobiologie ist die Wissenschaft von den biologischen Grundlagen sozialen Verhaltens und verbindet damit die Naturwissenschaft Biologie mit der Geisteswissenschaft Soziologie. Der Ameisenforscher Edward O. Wilson, der als Begründer der Disziplin gilt, wandte seine Methoden im letzten Kapitel seines Buches „Sociobiology“ (1975) auch auf den Menschen an. Zusammen mit Richard Dawkins – „The Selfish Gene“ (1976) – läutete er damit ein neue Phase der Evolutionstheorie ein: Die Gene sind Objekte der evolutionären Selektion, nicht die Arten, und das Individuum ist der Ausführende eines genetisch festgelegten Programms. Die Soziobiologie, so scheint es, hat damit die Tür zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis des Menschen als soziales Wesen aufgestoßen – im Schulterschluss mit der Gehirnforschung. Psychologie, Soziologie, Ökonomie und eigentlich alle Wissenschaften, die sich mit nicht-materiellen Dingen befassen – also in der Schreibweise der meisten Soziobiologen mit „Illusionen“ oder „Konstrukten“ unseres evolutionär entstandenen Gehirns –, können demnach auf empirische Naturwissenschaft zurückgeführt („reduziert“) werden. Schließlich führt – wie jedes andere Lebewesen – der Mensch in der deterministischen Sichtweise der Soziobiologie nur das „Fitness-Programm“ seiner Gene aus.

Edward Wilson fordert daher eine „Einheit des Wissens“ (so der Titel seines Buches von 1998). Das bedeutet für ihn die „Integration“ der Sozial- und Geisteswissenschaften in die Naturwissenschaften. Aus der Soziobiologie hat er also ein wissenschaftstheoretisches und -politisches Übernahmeprogramm gemacht. Die Naturwissenschaft als „Weltbesiegerin“, wie sie Emil du Bois-Reymond (1818 - 96) nannte, versucht also, die „Grenzen ihres Reiches“ zu verschieben oder ganz aufzuheben.

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