Streit um Beifang
„Big-Brother“ auf dem Fischerboot

In Stellnetzen können auch Seevögel umkommen. Doch darüber, wie groß die Gefahr wirklich ist, tobt ein Streit zwischen Fischern und Wissenschaftlern. Ein ungewöhnliches Projekt soll jetzt neue Ergebnisse liefern.
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Freest/BonnMitten in der Nacht, um 3.45 Uhr, erreicht Fischer Martin Lange sein Dorsch-Fanggebiet vor der Insel Hiddensee in der Ostsee. Über seinen Kutter „Hilde“ funkeln die Sterne, der Leuchtturm an der Südspitze der Insel blinkt im monotonen Rhythmus.

Mit dem Außensteuer legt der Fischer die „Hilde“ längsseits zu den Netzen und angelt mit einem Langhaken die erste Stange und deren Anker aus dem Wasser. Dann wirft er den Holer zum Einholen des Netzes an. Von diesem Moment an bleibt auf dem Deck nichts unbeobachtet.

Seit einem halben Jahr nehmen je drei Kameras auf drei Kuttern der Fischereigenossenschaft Freest in Mecklenburg-Vorpommern jeden Winkel auf dem Deck ins Visier und speichern die Bilder auf Festplatte. Der Rund-um-Überwachung haben die Fischer freiwillig zugestimmt, weil sie Studien des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) über angeblich jährlich 17.000 bis 20.000 tote Seevögel in den Stellnetzen der Fischer anzweifeln. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand“, sagt der 36-Jährige. Er und seine Kollegen fürchten um ihre Existenz.

Das Bundesamt hat vorgeschlagen, wegen der Seevögel- und Schweinswalbeifänge die Hauptfanggebiete, die zugleich auch Natura-2000-Schutzgebiete sind, für die Stellnetzfischerei zu sperren. Dabei geht es um die Oderbank, den Adlergrund sowie die westliche Rönnebank, den Fehmarnbelt und die Kadetrinne. Als Begründung für das geplante Stellnetz-Verbot vor allem in den östlichen Gewässern dient unter anderem die von den Fischern angezweifelte Seevogel-Studie.

Besonders Meeresenten und Seetaucher verfangen sich beim Tauchen nach Nahrung in den Stellnetzen und ertrinken, wie der BfN-Meeresbiologe Henning von Nordheim erläutert. „Mehr als 50 Prozent der tot angetriebenen Schweinswale in der Ostsee sterben nach wissenschaftlichen Einschätzungen durch den Beifang in Stellnetzen.“ Der BfN-Vorschlag muss von den Bundesministerien für Umwelt und Landwirtschaft abgestimmt werden und soll dann – möglicherweise bereits 2012 – nach Brüssel gemeldet werden.

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