Suche nach Lyrik-Büchern
Sprachspeicher der Nation

Ausgerechnet im Land der Dichter und Denker gestaltet sich die Suche nach aktuellen Büchern mit Lyrik manchmal mühsam. Beispiel Köln: Ham wir nicht, heißt es desinteressiert in diesem und dann auch noch im nächsten Laden. Und einmal noch kommt der Hinweis: Da hinten in der Ecke, da steht ein neuer Band mit den schönsten Liebesgedichten.

HB KÖLN. Man sollte also gleich zu einem gut sortierten Buchladen gehen. Da ist, sucht man in Köln, der von Klaus Bittner die beste Adresse. Über etliche Regalmeter erstrecken sich die Gedichtbände, selbst die Neuerscheinungen sind zunächst schwer zu überschauen: Die deutschen Dichter sind wohl fleißig wie eh und je. Als Erstes fällt mir eine Zeitschrift in die Hand: "Das Gedicht". Die aktuelle Ausgabe trägt den Titel "Alle meine Kinder. Die Poesie der ersten Jahre", und in Sachen Kindheit ist hier alles zu finden: Erinnerungen und Reflexionen, Gedichte über, für und von Kindern, Unsinns-, Schüttel- und Abzählreime.

Ein erwachsener Dichter, Alfons Schweigert, dichtet so: "Lügen haben kurze Beine, Regenwürmer haben keine, / Das bedeutet, liebes Kind, / daß Würmer große Lügner sind." Eine faszinierende Anthologie hat Anton Leitner hier zusammengestellt, die den Leser in heitere Unruhe versetzt: Es macht Spaß, Gedichte zu lesen, und Lust auf mehr. Für die Leser, die ihre erwachende Begeisterung für die Verseschmiedekunst auch noch theoretisch vertiefen möchten, sind einige Essays angehängt; Leitners eigener trägt den so kämpferischen wie programmatischen Titel "Reime vs Pisa".

Nun fällt mein Blick auf zwei Bände, die mit dem Dichter Thomas Kling zu tun haben: Ihm, der am 1. April an Lungenkrebs gestorben ist, ist das "Jahrbuch der Lyrik 2006" gewidmet - eine altehrwürdige Institution. Seit 1979 kommt das Jahrbuch heraus und ist die maßgebliche, da umfassendste Übersicht zeitgenössischer Dichtung nicht nur aus Deutschland. Das Werk verneigt sich vor einem der größten deutschen Dichter unserer Zeit.

Auch von Thomas Kling selbst ist noch ein Buch erschienen. "Auswertung der Flugdaten" ist ein schwieriges, faszinierendes, überaus lohnendes Buch. Wie man es von ihm kennt, geht er auch hier der Sprache auf den Grund, gräbt Schichten und Bedeutungen frei, holt aus dem "Sprachspeicher" hervor, was er für seine Arbeit braucht. Für ihn ist ein Gedicht ein "Wahrnehmungsinstrument", und so schreibt er über Erfahrungen im Krankenhaus in einer Mischung aus Bergmanns-, Alltags- und Szenesprache: "wie man eintäufte in meine brust, / rumfuhrwerkte darin und loren proben / abtransportierten, nix von gemerkt - frantic." Die Komplexität hält den Leser zunächst auf Distanz, um ihn dann, im Verstehen, so nah heranzuholen, dass es kaum noch zu ertragen ist.

Ähnlich geht Ulrike Draesner in ihrem Band "Kugelblitz" vor, und sie behandelt das andere große Menschheitsthema, die Liebe: "hätte ich mich niemals verliebt //...// nie hätte ich gewusst was / ein präziser aufschlag ist / (die erinnerung daran, nicht er selbst)." Draesner gelingen wunderbare schillernde Bilder, doch anders als Kling gewichtet sie den Klang stärker als die Bedeutung. Da bleibt vieles im Bedeutungsdunkel - was bei der Lektüre etwas ermüdet. Man müsste es wohl gelesen hören.

Ob lesen oder hören, beim bissigen Spaßmacher der Nation, Wiglaf Droste, ist das egal. Seine Gedichte ("Nutzt gar nichts, es ist Liebe") sind leichtgängig, klug, zuweilen aber schlicht flach. Ob Hühnersuppe, Guido Westerwelle oder die Aspirin-Tablette, Droste ist nie um einen Reim verlegen: "Die Pubertät / Die kam so spät: / Die Regression / Wartete schon." Köstlich das "Urlaubsgedicht einer erkälteten Deutschlehrerin": "Zuhause / habe ich nah / am Wasser / gebaut // Aber / hier / Amrum."

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