Tagung der Nobelpreisträger
Die Selbstverteidigung fällt aus

Es ist eine weit verbreitete Auffassung, dass Natur- und Geisteswissenschaften zwei verschiedene Kulturen seien, die sich wenig zu sagen haben. Und so spielten Philosophen und Historiker bei den jährlichen Tagungen der Nobelpreisträger nicht die geringste Rolle – bis heute. Erstmals diskutierten in diesem Jahr auch Geisteswissenschaftler mit. Doch die Harmonie war allzu groß.

LINDAU. Für den Chemiker Alfred Nobel (1833-1896), der die nach ihm benannten Preise für Medizin/Physiologie, Chemie und Physik stiftete, war es offensichtlich undenkbar, dass auch ein Historiker oder Linguist „der Menschheit den größten Nutzen“ erbringen könnte, wie es in seinem Testament als Voraussetzung für die Preisträger heißt. Ganz im Geiste Nobels spielten daher auch bei den jährlichen Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau Geisteswissenschaften nicht die geringste Rolle.

Wahrscheinlich war es das aktuelle „Jahr der Geisteswissenschaften“, das die Veranstalter auf die Idee brachte, die diesjährige Tagung mit einer Podiumsdiskussion „Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften“ einzuleiten. Handelten sie aus Mitleid? Allein die Tatsache, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung zwischen 2000 und 2008 neun Wissenschaftsjahre ins Leben rief und sieben davon auf Naturwissenschaften (plus 2009 für die Mathematik) entfielen, während sich alle Geisteswissenschaften das aktuelle Jahr teilen müssen, beweist mehr als Frau Schavans Festreden die wirkliche (mangelhafte) Wertschätzung.

Es war nicht zu erwarten, dass bei solcher Gelegenheit ein Germanist und ein Philosoph als Gäste vor versammelter Presse, den bekanntesten Naturwissenschaftlern der Welt und einer vielhundertköpfigen Schar aussichtsreicher Nachwuchsforscher flammende Streitreden gegen die zunehmende Vernachlässigung ihrer Disziplinen halten. Doch so viel zur Schau gestellte Einigkeit mit den Kollegen von der anderen Fakultät war doch überraschend.

Als Zuhörer des Gesprächs konnte man den Eindruck gewinnen, es gebe eigentlich nur eine große, einige akademische Welt-Familie. „Wir schaffen alle einen Sinn für das Verständnis und die Bewahrung der Welt. Wir sind alle Entdecker der Erde, der Wahrheit“, sagte der Präsident des Europäischen Forschungsrats, der griechische Molekularbiologe Fotis C. Kafatos. Solche Sätze klingen schön in Reden vor europäischer Politprominenz, doch sie machen eine Diskussion sicher nicht gehaltvoller. Wer soll da noch widersprechen? Von den „zwei Kulturen“, die 1959 der Physiker C.P. Snow in seinem berühmten gleichnamigen Buch beschrieb, war in Lindau keine Rede.

Die Sprachlosigkeit zwischen beiden Sphären, die Snow als Problem erkannte und die seit Erscheinen seines Buches sicher nicht geringer geworden ist, schienen die Lindauer Gesprächsteilnehmer durch die Beschwörung gemeinsamer Wurzeln und Ziele überdecken zu wollen. Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe fühlte sich berufen, daran zu erinnern, dass die Wiege aller Wissenschaften in den Denkschulen des antiken Griechenlands stand und dass sie fundamentale Gemeinsamkeiten haben. Dafür musste Aristoteles’ wohl berühmtester Satz herhalten: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Erkenntnis“.

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