Tauchboot „Jiaolong“
Chinas Tiefsee-Mission verärgert die Nachbarn

Chinas Wirtschaft braucht alle Rohstoffe, die es kriegen kann - auch aus der Tiefsee. Aber auch andere Regionen haben es auf Ölvorkommen der chinesischen Einflusszone abgesehen. Unklar ist, wem die Felder gehören werden.

PekingChinas Ehrgeiz reicht bis auf den pazifischen Meeresgrund. Kürzlich erreichte das Tauchboot „Jiaolong“ (Meerdrache) mit 5 057 Metern eine neue chinesische Rekordtiefe. "Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Astronauten und Ozeanauten. Wir arbeiten in enger Umgebung unter hohem Stress", sagte Jiaolong-Kapitän Ye Cong.

Klar ist, dass China mit seinem Tieftauchprogramm nicht nur wissenschaftliche, sondern auch wirtschaftliche Interessen verfolgt - das Jiaolong-Projekt beaufsichtigt bezeichnenderweise das „Amt zur Verfügbarmachung und Entwicklung von Bodenschätzen". Und Behördenchef Jin Jiancai sagte, selbstverständlich nehme das Tauchboot "auch Proben vom Meeresgrund“.

Der Grund für die Expedition in die Meerestiefe ist unschwer zu erkennen: Chinas dynamisch wachsende Wirtschaft braucht alle Rohstoffe, die es kriegen kann. Das Milliardenvolk legt sich derzeit den Lebensstil des Westens zu. Der Bau neuer Wohnungen und Büros verschlingt einen Großteil der Weltproduktion an Stahl, die nötigen Kabel und Leitungen treiben den Kupferpreis hoch. Außerdem kaufen die Chinesen jährlich rund zehn Millionen zusätzliche Autos - entsprechend steigt der Ölverbrauch.

Doch die leicht ausbeutbaren Rohstoffe an Land werden immer seltener - deshalb gerät der Meeresboden ins Visier der chinesischen Strategen. Geschätzte 40 Prozent der Ölreserven liegen unter den Ozeanen, darüber hinaus Titan, Gold und Platin. Das Staatsunternehmen China National Offshore Oil Corporation hat schon seit 1982 den Auftrag, die Ölgewinnung im Meer voranzutreiben.

Mehrere Regionen in der chinesischen Einflusszone versprechen tatsächlich reiche neue Ölvorkommen. Doch in praktisch keinem der Fälle ist ganz klar, wem die Felder einmal gehören werden - deshalb liegt Peking mit mehreren Nachbarn im Streit. Um die Spratly-Inselgruppe im Südchinesischen Meer wäre im Juni fast ein Krieg mit Vietnam entbrannt. Sowohl China als auch die USA haben seitdem Marinemanöver mit scharfer Munition abgehalten, um klarzumachen: Wir lassen uns die Ölfelder nicht wegnehmen. Auch mit Japan liefert sich China einen Streit um mögliche Öl- und Gasfelder. Konkret geht es um die Senkaku-Inseln, auf die beide Staaten Gebietsansprüche erheben.

Angesichts dieser Spannungen ist die vom chinesischen Staatsfernsehen demonstrativ gefeierte Tiefsee-Mission des Tauchboots „Jiaolong“ nicht nur als Nachricht für U-Boot-Enthusiasten zu interpretieren. Die Mission war vielmehr ein Schachzug in der internationalen Rohstoffpolitik, der noch schwere Konflikte mit Chinas Nachbarn nach sich ziehen kann. Dazu passt, dass Kapitän Ye - offenbar inspiriert vom russischen „Flaggensetzen“ in der Arktis im Jahr 2007 - eine chinesische Fahne in den Ozeanboden rammte.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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