„The Brain“ – eine Rezension
Denken will gelernt sein

Sie glauben, Sie wären Herr Ihrer Entscheidungen? Falsch gedacht! Denn über Job oder neue Freunde entscheidet unser Gehirn für uns. Das und noch mehr beschreibt David Eagleman in seinem lesenswerten Buch „The Brain“.
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DüsseldorfOb wir den passenden Job suchen, mit unserer Kleidung experimentieren oder beschließen, wessen Gesellschaft wir wollen – all das entscheidet unser Gehirn für uns. Wir sind uns dieser Prozesse nicht bewusst und wiegen uns in falscher Sicherheit. Tatsächlich ist unsere Erfahrung subjektiv, unsere Identität plastisch und sogar gezielt manipulierbar: Unser Gehirn, und damit auch wir, sind einer ständigen Veränderung unterworfen.

Warum das so ist, erklärt Neurowissenschaftler David Eagleman in seinem Buch „The Brain – die Geschichte von dir“ in sechs Kapiteln. Wer sich für Neurobiologie und ein bisschen für Psychologie interessiert, für den ist das facettenreiche Sachbuch genau das Richtige.

Romanliebhaber allerdings werden enttäuscht sein – obwohl der Titel die Erwartung an eine echte Geschichte weckt, erfüllt er diese nicht. Ohne große Emotion, dafür aber sachlich und logisch aufbereitet, lernt der Leser Kapitel für Kapitel ein Stück mehr über sich selbst kennen.

Wie sich das Gehirn von der Kindheit bis ins Alter verändert, wie die Sinne unser Verhalten beeinflussen, nach welchen Regeln wir zu einer Entscheidung kommen oder warum „Flow“ das wahre Glücksgefühl ist: Das sind nur einige neurowissenschaftliche Blickwinkel, die der Autor mit Bildern und Beispielen veranschaulicht.

Auch gesellschaftliche Themen werden nicht außen vor gelassen. Wer schon einmal sozial ausgegrenzt wurde, versteht mit Eaglemans Werk in der Hand zum Beispiel, dass soziales Leid dieselben Hirnareale aktiviert wie körperlicher Schmerz.

Eagleman hat sich einer schwierigen Aufgabe angenommen: Seinen Lesern die Prozesse des Gehirns näherzubringen und für sie nachvollziehbar zu machen, warum der Mensch so ist, wie er ist: Damit ermutigt er seine Leser zur Selbsterkenntnis und gibt ihnen einen wichtigen Hinweis mit auf den Weg: Jeden Tag haben wir die Chance, so betont er, Objekten, Ereignissen und Gefühlen eine neue Bedeutung zu geben. Wir sind unabhängiger in unserem Denken als angenommen: „Was wir aus uns machen, ist unsere Entscheidung“, schlussfolgert Eagleman.

Leider geht das Werk nur an wenigen Stellen über die Beschreibung der synaptischen Abläufe hinaus. Was dem Buch noch fehlt, ist eine konkrete Ausführung, wie der Leser die gewonnenen Erkenntnisse auch praktisch umsetzen kann. Wie kann ich mein bestes Selbst erreichen? Durch welche mentale Strategie kann ich Stereotypen clever umgehen?

Dennoch: Eagleman erweitert die Perspektiven seiner Leserschaft, indem er aufschlussreich zeigt, dass das Gehirn mehr als eine Festplatte ist. Es ist ein flexibler Rechenapparat, auf den wir mehr Einfluss nehmen können als gedacht. Trotz kleiner Mankos ist dieses Buch zu empfehlen.

Kommentare zu " „The Brain“ – eine Rezension : Denken will gelernt sein"

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  • Zum Glück habe ich damit nix zu tun.....weder mit Hirn....noch mit Job.......sonst würde ich nicht den ganzen Tag kommentieren...und hätte keine Zeit dazu.

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