Therapie
Forscher verwechseln Krebszellen

Ärzte sind nicht unfehlbar. Das Problem: Kunstfehler können auch tödlich enden. In England ist nun ein Fall bekannt geworden, bei dem über Jahrzehnte Krebszellen verwechselt wurden – ein Irrtum, der bislang keine weitreichenden Konsequenzen nach sich zog, aber eine unangenehme Problematik aufdeckt.

DÜSSELDORF. Selbst unter dem Mikroskop betrachtet, unterscheiden sich Zellkulturen in Labor-Gläsern kaum voneinander. Und da auch forschende Mediziner keine Engel in weißen Kitteln, sondern Menschen sind, werden die Behältnisse in Laboren auch mal verwechselt. Das kann passieren. Doch wenn eine Zell-Linie seit 20 Jahren in einem Labor für eine andere gehalten wird, könnte das nach Ansicht eines britischen Forschers eine finanzielle und wissenschaftliche Katastrophe sein. Einen solchen Fall hat Chris Tselepis vom Krebsforschungszentrum in Birmingham aufgedeckt.

Wie der Sender BBC berichtete, hat der Forscher bei näherer Prüfung festgestellt, dass eine Zell-Linie, die seit vielen Jahren als Modellsystem für Speiseröhrenkrebs (Adenokarzinome) verwendet wurde, von einer anderen Tumorart stammt. „Glücklicherweise beruhen unsere eigenen Untersuchungen auf einer ganzen Reihe von Zelltypen, so dass die Auswirkung der falschen Beschriftung für uns minimal war“, sagt Tselepis.

Einer seiner Kollegen gab allerdings zu, dass das bei ihm anders war. Geoff Pilkington von der Universität Portsmouth sagte ebenfalls der BBC, dass er einmal ein ganzes Forschungsprogramm über Hirntumore abbrechen und neu beginnen musste, nachdem er festgestellt hatte, dass die verwendeten menschlichen Zellen mit solchen von Mäusen und Ratten vermischt worden waren. Durch solche Fehler gehen wertvolle Zeit und Geld verloren.Otmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums hält die Sorgen von Tselepis jedoch für übertrieben: „Das Problem der Kontamination mancher Zell-Linien ist seit langem bekannt.“ Weil sich Krebsforscher dieses Risikos seit jeher bewusst seien, würden in guten Instituten vor wichtigen Experimenten die vorrätigen Zellen mit einem DNA-Test überprüft oder die Zellen gleich bei einer Zellkulturbank neu gekauft, wie etwa bei der „Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen“ (DSMZ). „Solche Zellen sind dann in der Regel geprüft“, sagt Wiestler.

Hinzu komme, dass auch in der Vergangenheit Versuche mit Zelllinien immer nur am Anfang einer experimentellen Kette gestanden hätten: „Diese Linien sind ständig und leicht verfügbar und wurden daher häufig eingesetzt, um erste Antworten auf bestimmte Fragen zu erhalten“, so Wiestler.

Zur weiteren Absicherung und Bestätigung solcher Ergebnisse werden, grundsätzlich weitere Methoden eingesetzt, etwa Untersuchungen an der Maus oder an Tumorgewebe. „Daher ist nicht damit zu rechnen, dass entscheidende Ergebnisse der Krebsforschung auf Versuchen beruhen, die mit kontaminierten oder vertauschten Zelllinien gewonnen wurden“, versucht Wiestler zu beruhigen.

Britische und amerikanische Mediziner scheinen da anderer Meinung zu sein. Eine Gruppe unter Führung von Roland Nardone von der Catholic University in Washington hat sich mit der Forderung nach strengeren Vorschriften für die Sicherstellung der Authentizität von Zell-Linien an das US-Gesundheitsministerium gewandt. Ohne den Nachweis eines DNA-Tests, sollten Forscher künftig keine staatlichen Zuschüsse und keine Publikationsmöglichkeiten von Fachzeitschriften erhalten, fordert Nardone.

Aber auch ohne Reglementierung wird das Risiko irreführender Ergebnisse durch kontaminierte Zell-Linien geringer. Denn die Bedeutung dieser über Jahre kultivierten Linien nimmt in der Forschung immer mehr ab. Sie wird mehr und mehr durch so genannte „ex vivo“ Versuche ersetzt. Darunter versteht man Experimente mit Gewebeproben von Patienten. Teilweise werden aus diesen auch kurzfristig Zellen angezüchtet.

Der Grund für die Umstellung der Methodik ist in erster Linie gar nicht die Kontaminations- oder Verwechslungsgefahr, sondern die mangelnde Aussagekraft der Ergebnisse an Tumorzell-Linien. Zellen, die über Jahrzehnte in der Kulturschale vermehrt worden seien, hätten dann irgendwann keine biologischen Eigenschaften mehr mit den echten Krebszellen im Tumor eines Patienten gemein“, erläutert Wiestler den neuen Trend.

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