Forschung + Innovation
Tier oder „Mensch“: Dilemma durch Tests mit menschlichen Hirnzellen

Im Wörterbuch der Biologie sind sie unter dem Begriff „Schimäre“ zu finden. Für Ethiker aber werfen Versuchstiere mit menschlichen Hirnzellen knifflige Fragen auf. US-Forscher widmen sich im Wissenschaftsjournal „Science“ (Bd. 309, S.

dpa WASHINGTON. Im Wörterbuch der Biologie sind sie unter dem Begriff „Schimäre“ zu finden. Für Ethiker aber werfen Versuchstiere mit menschlichen Hirnzellen knifflige Fragen auf. US-Forscher widmen sich im Wissenschaftsjournal „Science“ (Bd. 309, S. 1) vom Freitag vor allem dem „moralischen“ Aspekt: Vermögen Affen, denen im Rahmen medizinischer Experimente Hirnzellen des Menschen eingepflanzt werden, wie ein solcher zu empfinden, zu genießen oder zu trauern?

In der jüdischen und christlichen Religion stünden Menschen als Auserwählte Gottes über anderen Lebensformen, argumentieren die Autoren von mehreren amerikanischen Elite-Universitäten in „Science“. Auch die Kantsche Philosophie setze den Menschen wegen seiner Fähigkeit, rational zu denken, abseits der Tierwelt. Welcher Status komme dann Tieren zu, die teils schon als Fötus, teils erst im fortgeschrittenen Alter Hirngewebe oder Stammzellen des Menschen in ihrem Gehirn tragen?

Mögliche Antworten hängen von sechs Faktoren ab, schreiben die Wissenschaftler: Der Größe des menschlichen Implantats im Vergleich zum Umfang des tierischen Empfängerhirns, dessen Entwicklungsstand zur Zeit der Implantation, außerdem von der Tierart, der Größe des Tierhirns, weiterhin der Region, in die die menschlichen Zellen eingepflanzt wurden sowie von dem Zustand des Hirns.

Versuchstiere etwa, die eigens zur Suche nach Therapien für die Alzheimer- oder auch die Parkinsonsche Krankheit gezüchtet wurden, könnten von gesunden Hirnzellen profitieren, ohne notwendigerweise von menschlichen Empfinden geplagt zu werden, meinen die Autoren. Sie gehören einem multidisziplinären Forschergremium an, das 2004 gegründet worden war und sich seitdem bei zwei Plenarsitzungen bemüht hat, zur Lösung der Kontroverse beizutragen.

Am wenigsten Bedenken haben die Experten gegen die Implantation menschlicher Zellen in das Hirn ausgewachsener gesunder Affen, noch dazu, wenn diese dem Homo sapiens verwandtschaftlich nicht zu nahe stehen. Unter diesen Umständen sei kaum eine grundlegende Veränderung in der mentalen Kapazität der Tiere zu befürchten.

Nicht so bei menschlichen Stammzellen, die einem eng verwandten Menschenaffen in größerem Umfang während der ganz frühen Entwicklung eingesetzt werden. Noch dazu, wenn eine Region wie das Großhirn dafür gewählt wird, das viele der anspruchsvollsten Hirnfunktionen zu regulieren hat, geben die Forscher zu bedenken.

Um relevante Veränderungen zu ermitteln, raten die Forscher zu detaillierten Verhaltensstudien an den betroffenen Versuchstieren. Doch was ist normal - und was gegebenenfalls menschlich geprägt? Schon diese Frage sei nur schwer zu beantworten, zumal schon der Umgang mit Menschen im Labor die Reaktion der Tiere beeinflusse.

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