Forschung + Innovation
Träume helfen Lösungen zu finden

Eltern rieten ihren Kindern früher bei Verständnisproblemen mit Schultexten, das Buch vor dem Schlafengehen unters Kopfkissen zu legen - am Morgen hätten sie dann alles begriffen. Erfahrungen zeigen, dass diese Vorstellung vom Lernen im Schlaf nicht abwegig ist.

dpa HAMBURG. Eltern rieten ihren Kindern früher bei Verständnisproblemen mit Schultexten, das Buch vor dem Schlafengehen unters Kopfkissen zu legen - am Morgen hätten sie dann alles begriffen. Erfahrungen zeigen, dass diese Vorstellung vom Lernen im Schlaf nicht abwegig ist.

So wusste zum Beispiel der Astrophysiker Paul Horowitz von der Harvard University (USA), was er tun musste, wenn er sich in ein Problem festgebissen hatte: Er legte sich schlafen. Er wusste: Im Traum fiel ihm die Lösung fast immer ein.

Das Journal „Psychologie heute“ (Weinheim) berichtet in seiner Dezember-Ausgabe, wie neue Forschungsergebnisse solche Traumhilfen begründen. Etwa damit, dass das Gehirn während des Träumens neue Assoziationen finden und Lösungen aufzeigen kann, die im Wachen verborgen bleiben.

Auch Künstler profitieren von der Arbeit des Gehirns während des Träumens. Der amerikanische Musiker Billy Joel hörte die Melodien seiner Songs im Schlaf. Der spanische Maler Salvador Dali schätzte den Traum als Quelle der Inspiration. Forscher vermuten, dass die vom Verstand unbeeinflussten Traumereignisse und die Bilderflut der Träume die freien Assoziationen fördern. Sie können damit eine Schulung im Denken abseits von eingefahrenen Wegen sein.

Der Harvard-Professor für Psychiatrie Robert Stickgold zeigte Versuchspersonen sowohl im Wachen wie auch gleich nach dem Erwachen aus einem Traumschlaf Wortkombinationen - ein Wort und gleich danach ein anderes Wort oder unsinnig zusammengesetzte Buchstaben. Die meisten Probanden konnten sich schnell an das zweite Wort erinnern, wenn es einen Zusammenhang zwischen den Wörtern gab, also etwa auf das Wort „richtig“ das Wort „falsch“ folgte. Bei den gerade aufgewachten Personen war das Gegenteil der Fall: Die nicht- logischen Kombinationen erzielten schnellere Reaktionen irgendeiner Art.

Stickgold vermutet, dass das träumende Gehirn „bevorzugt nach unerwarteten Wegen sucht und diese aktiviert, statt sich auf die üblichen, offensichtlichen Assoziationen zu beschränken“. Eine Erklärung dafür ist der Befund der Gehirnforschung, dass die Aktivität der Gehirnregionen für Kontrolle, logisches Entscheiden und gezielte Aufmerksamkeit während des Träumens heruntergefahren wird. Gleichzeitig werden die für Sensorik und Gefühle zuständigen Bereiche aktiviert.

Zusätzlich wird das Kurzzeitgedächtnis deaktiviert, so dass die emotionalen Inhalte von Erinnerungen übrig bleiben, der wache Inhalt aber nicht. Indem Träume die emotionalen Aspekte einer für uns wichtigen Angelegenheit erforschen, können sie Lösungen aufzeigen, die im Wachen nicht gefunden werden, folgern Traumtheoretiker. Die Harvard-Psychologin Deirdre Barrett bemerkte zum praktischen Nutzen: „Es gibt viele Situationen, in denen uns die Begrenzung unseres Wachzustandes in einem Problem stecken bleiben lässt. Ein Traum kann das Problem lösen.“

Zum Lernen im Traum verwies die Zeitschrift „Gehirn & Geist“ (Heidelberg) kürzlich auf Untersuchungen, die nachgewiesen haben, dass sowohl Tiere als auch Menschen neues Wissen nach einem ungestörten Schlaf besser behalten. Speziell für das Erlernen von visuellen und motorischen Fähigkeiten scheint der von schnellen Augenbewegeungen begleitete, besonders traumreiche REM (rapid eye movement)-Schlaf besonders wichtig zu sein. Wenn jemand einen neuen Bewegungsablauf einstudiert, etwa den Aufschlag beim Tennis, nimmt der REM-Anteil seines Schlafs in der folgenden Nacht deutlich zu.

Sowohl „Psychologie heute“ wie auch „Gehirn & Geist“ erwähnen in ihren Beiträgen das luzide Träumen oder Klarträumen. Das ist der Zustand, in dem sich der Träumer, obwohl er schläft, darüber klar ist, dass er träumt, und dabei auch bewusst entscheiden kann, was er träumt und wie er damit umgehen möchte.

Diese Art zu träumen eröffne „enorme Ressourcen, die im Wachzustand nicht zugänglich sind, aber auch unser waches Leben bereichern“, sagt Brigitte Holzinger, Leiterin des Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien. Und zur praktischen Anwendung: „Wir können uns Führung für unsere spirituelle Entwicklung ebenso bestellen wie Erklärungen für Lebensprobleme - etwa warum unsere Partnerschaften nicht funktionieren. Wir können um Lösungen kniffliger beruflicher Aufgaben bitten oder um Hilfe bei schwierigen Entscheidungen.“

Klarträumen ist erlernbar. Menschen wie Künstler oder Schauspieler erlernen es leichter als extrem realistische. Hilfreich ist, sich auch am Tag mehrmals die Frage zu stellen: Wache oder träume ich? Der Sinn dabei ist, die Frage einzuüben - so lange, bis sie „automatisch“ auch in Träumen auftaucht, erläutert Holzinger.

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