Trauer
Der Verlust des rituellen Trauerns

Nach jedem größeren Unfall, jeder Naturkatastrophe und jedem Terroranschlag sind sie zu hören, die rituellen Worte von Politikern aus aller Welt: "Wir trauern ..." Doch mit wirklicher Trauer, die als Reaktion auf den Verlust von geliebten Menschen definiert wird, hat das wenig zu tun. Warum wir nicht mehr wissen, wie man wirklich trauert.

DÜSSELDORF. Der "betroffene" Politiker hat ja in den meisten Fällen keinen persönlichen Bekannten verloren, ist also vermutlich nicht "betroffen", höchstens erschüttert oder entsetzt.

Dass in der Gegenwart so unbedarft von Trauer gesprochen wird, hat möglicherweise auch damit zu tun, dass wir nicht mehr wirklich zu trauern wissen. Denn die dazugehörigen Riten gehen in der westlichen Welt verloren. Diesen Verlust analysiert und beklagt der Berliner Theologie-Professor Rainer Kampling in der Zeitschrift "fundiert". Indiz dafür sei etwa, dass statt Bibelversen weltliche Gedichte wie der "Funeral Blues" von W. H. Auden in Todesanzeigen stehen und dass Abschiedsgaben (Blumen, Kerzen, Stofftiere) aus Orten des schrecklichen Geschehens Orte der Trauer machen.

Zwar entstünden dadurch neue Trauerriten, doch ohne Allgemeingültigkeit und damit "ohne die Potenz der Reintegration" des Trauernden. Dieser brauche aber in seiner Verlassenheit die Gemeinschaft. Denn, so Kampling, "die Wiedergewinnung der Welt, ihrer nicht im Trauern verlorenzugehen, ist die eigentliche, notwendige Trauerarbeit". Und diese wurde (und wird in weniger säkularisierten Gesellschaften) von religiös begründeten Riten, etwa Kleidungsvorschriften oder Gedenkgottesdiensten, erfüllt. Riten "entließen den Menschen in einer Krisensituation aus der Notwendigkeit, auch noch Verhaltenentscheidungen treffen zu müssen. Sie waren ein Auffangnetz für die, die rat- und trostlos waren."

Eine Ursache des Verlusts der Trauerriten sieht Kampling in der Tatsache, "dass Trauern als Stillstand und Innehalten des Lebens nicht konsumabel ist und sich dem Konsumismus verweigert. Trauern gehört zu den menschlichen Emotionen, denen kein Warencharakter zukommt und die daher nicht vermarktbar sind." Und dass dieser "konsumistischen Welt" das Trauern unheimlich sei, da es deren Leere aufzeige, könne man gut verstehen, schreibt der Theologe.

Die leeren Trauerreden der politischen Klasse sind immerhin, so könnte man ergänzen, in der Währung des Medienzeitalters nicht ganz wertlos: Sie erlauben einen würdevollen und staatstragenden Auftritt vor Kameras. Und Kritik an der geäußerten "tiefen Betroffenheit" ist nie zu befürchten.

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