Trendwende
Statussymbol: Ökobewusstsein

In den 90er-Jahren verlor die Öko-Bewegung in Deutschland an Schwung. Die Grünen wurden zur berechenbaren parlamentarischen Kraft, Mülltrennen und Bio-Gemüse zur Selbstverständlichkeit. Nun sehen Forscher eine Trendwende: Zunehmend prägt das Thema Umwelt das Lebensgefühl gut verdienender Bildungsbürger.

HEIDELBERG. Der "Müsli-Män" mit rosa Latzhose und hennagefärbtem Haar, wie ihn BAP 1981 besungen hat, gehört seit langem der Vergangenheit an. In den 90er-Jahren verlor die Öko-Bewegung in Deutschland an Schwung. Die Grünen wurden zur berechenbaren parlamentarischen Kraft, Mülltrennen zur Selbstverständlichkeit, und in jedem Kaufhaus wurde eine Ecke mit Bio-Gemüse eingerichtet.

Mit dem neuen Jahrtausend kam jedoch eine Renaissance des Umweltbewusstseins. 92 Prozent der Bundesbürger halten den Umweltschutz für wichtig, ergab eine Studie des Umweltbundesamts und des Bundesumweltministeriums, die 2004 durchgeführt wurde.

Zwei Jahre später hat sich der Trend verfestigt. "Arbeitslosigkeit ist natürlich weiterhin das Top-Thema, aber das Thema Umwelt hat einen Riesensprung nach vorn gemacht", sagt der Erziehungswissenschaftler Udo Kuckartz von der Philipps-Universität Marburg. "Alles, was mit nachhaltiger Entwicklung zu tun hat, fand bei unseren Befragungen überwältigende Zustimmung. Seit Ende der neunziger Jahre ist das Thema wieder ganz stark im Aufwind."

Kuckartz ist Autor einer grundlegenden Studie zum Thema Umweltbewusstsein in Deutschland (siehe "Umweltbewusstsein). Deren Ergebnisse sind eindeutig: Kernreaktor-Pannen, Dürre-Katastrophen, der Tsunami und Hurrikane wie "Katrina" haben bleibende Eindrücke hinterlassen. Kaum einer der befragten 2 000 Personen bezweifele, dass die Welt vor einem Klimawandel stehe, erläutert Kuckartz. Zwei Drittel der Befragten seien fest überzeugt, dass der Klimawandel kommt beziehungsweise begonnen hat.

Etwas hat sich gegenüber den achtziger Jahren geändert: Die Aussagen zur Umwelt wirken heute vergleichsweise unideologisch. "Wir stoßen auf Sensibilität ohne Katastrophen-Denken. Die Umwelt-Problematik wird ernst genommen, und man möchte nicht nur, dass die Regierung etwas gegen Umweltprobleme tut, sondern dass sie auch vorangeht und noch viel stärker eine kompetent leitende Rolle spielt", so Kuckartz.

Wissenschaftlich ist nachweisbar, dass das oft karikierte Zerrbild des Müsli-Menschen heute im öffentlichen Bewusstsein kaum noch eine Rolle spielt. Dafür hat sich ein neuer Typus entwickelt. Umweltengagement und Status wachsen zusammen: Jeder fünfte Deutsche fühlt sich dem Umweltschutz besonders eng verbunden. Überdurchschnittlich gut verdienende Personen in reichen Wohngegenden, von den Soziologen als "Post-Materialisten" bezeichnet, gelten als besonders engagiert und frequentieren oft und gerne neue, schicke Öko-Shops.

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