Tysabri soll wieder zugelassen werden
Neuer Wettlauf ums erfolgreichste MS-Medikament

Das US-Biotechnik-Unternehmen Biogen Idec hat wieder einen Antrag auf Zulassung seines Medikaments „Tysabri“ gestellt. Damit dürfte der Wettkampf der Marktführer um die lukrativen Multiple-Sklerose-Präparate von Neuem entbrennen.

ZÜRICH. Die Konkurrenten, unter ihnen vor allem Schering aus Berlin und Serono aus Genf, rüsten sich bereits zur Verteidigung ihrer Marktanteile. Alle drei treffen heute im griechischen Thessaloniki bei einer Fachtagung aufeinander, um – wie ein Teilnehmer gestern sagte – „in aller Kollegialität Erfahrungen auszutauschen“.

Mit weltweit 2,5 Millionen Betroffenen gilt Multiple-Sklerose (MS) als die häufigste neuro-immunologische Erkrankung. Analysten sehen ein Marktvolumen für MS-Medikamente von sieben Mrd. Euro. Die Krankheit wird durch Entzündungen im Rückenmark und Gehirn ausgelöst und löst die Zerstörung von Nerven durch die Abwehrzellen des eigenen Immunsystems aus. Dies kann zu Lähmungen führen. Forscher, die an der Entwicklung von MS-Medikamenten sitzen, müssen deswegen versuchen, die Immunreaktion auf der einen Seite zu dämpfen, sie aber auf der anderen Seite nicht zu stark einzuschränken.

Genau daran war Biogen, das gemeinsam mit seinem Partner Elan Pharmaceuticals, „Tysabri“ entwickelte, gescheitert. Das Medikament, das wegen unbestreitbarer Erfolge nach einer überraschend kurzen Prüfphase in den USA auf dem Markt kommen sollte, musste zurückgezogen werden, weil sich bei mehreren Teilnehmern einer klinischen Studie ein sonst harmloser Virus zu einer lebensbedrohlichen Infektion ausgebreitet hatte. Zwei Patienten starben. In Europa wurde das Zulassungsgesuch darauf zwar nicht zurückgezogen, allerdings von der zuständigen Behörde zunächst einmal auf Eis gelegt.

Nun versuchen es Biogen und Elan erneut, indem sie der US-Genehmigungsbehörde Vorschläge für ein geändertes Etikett machen und Informationen über Risiken bekannt geben. Damit soll verhindert werden, dass Patienten mit geschwächtem Immunsystem das Medikament erhalten, sagte eine Biogen-Sprecherin. Den Bedarf für das neue Medikament schätzte sie trotz der Todesfälle als hoch ein.

Biogen kann sich dabei auf Erfahrungen der Konkurrenz berufen. Die Schweizer Serono erzielte im vergangenen Jahr knapp 90 Prozent ihres Umsatzes von 2,5 Mrd. Dollar durch ihr MS-Medikament Rebif – eine Abhängigkeit, die Analysten stets bemängeln. Die Schlappe von Biogen nutzten die Schweizer geschickt, um ihr Medikament auch auf den US-Markt zu bringen, wo sie es im nächsten Jahr zur Marktführerschaft bringen wollen. Niemand hatte im Februar von der Hiobsbotschaft für Biogen mehr profitiert als Serono. Die Aktie machte damals an der Börse einen Freudensprung von 18 Prozent.

Aber auch Schering munitioniert sich neu. Die Deutschen, die rund ein Fünftel ihres Umsatzes mit ihrem Betaferon genannten MS-Medikament erzielen, haben mehrere Studien gestartet, um die Wirksamkeit des eigenen Präparats unter Beweis zu stellen und womöglich zu erhöhen. Das erste Ergebnis einer dieser Studien soll noch während der Tagung in Griechenland bekannt gegeben werden: Die Schering-Mediziner haben ihren Patienten dabei in einem sehr frühen Stadium, wenn sich Anzeichen der Krankheit bemerkbar machen, die Diagnose aber noch gar nicht bewiesen ist, hohe Dosen Betaferon verabreicht. Die Erfolge seien ermutigend, hieß es gestern von Schering. Die Deutschen weisen außerdem darauf hin, dass ihr Medikament das einzige ist, was seit Jahrzehnten seine Wirksamkeit bewiesen habe – ein Vorteil, der, wie eine Sprecherin sagte, bei einer chronischen und unheilbaren Erkrankung, die eine jahrelange Behandlung erfordert, nicht von der Hand zu weisen sei.

Milliardenmarkt Autoimmun-Erkrankungen

Medikamente gegen so genannte Autoimmun-Erkrankungen sind ein Milliardengeschäft.

Multiple Sklerose: Bei MS-Patienten greift das Immunsystem körpereigenes Nervengewebe an. Mittel wie Betaferon (Schering) oder Rebif (Serono) dämpfen die Abwehraktivität und verzögern das Voranschreiten der Krankheit.

Arthritis: Erfolge verbuchen Biotech-Wirkstoffe wie Enbrel (Amgen) und Remicade (Johnson & Johnson), die ein Enzym blockieren und so auch eine falsche Immun-Aktivität bremsen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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