Umwelt
Experte: Fischereipolitik sollte Wissenschaft ernst nehmen

Ein sorgsamerer Umgang mit den Fischbeständen könnte die Fänge in Nord- und Ostsee mittelfristig deutlich verbessern.

dpa BREMERHAVEN/ROSTOCK. Ein sorgsamerer Umgang mit den Fischbeständen könnte die Fänge in Nord- und Ostsee mittelfristig deutlich verbessern.

„Aus einem gesundem Kabeljau-Bestand in der Nordsee ließen sich pro Jahr 200 000 Tonnen ernten; jetzt können dagegen nur 20 000 Tonnen angelandet werden“, sagte der Meeresbiologe Christopher Zimmermann im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der stellvertretende Leiter des Instituts für Ostseefischerei in Rostock setzt sich gemeinsam mit Unternehmen der Fischwirtschaft aus Bremerhaven für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Meeresressourcen ein.

Die durch Überfischung angespannte Situation vieler Bestände ließe sich nach Ansicht Zimmermanns schon dadurch verbessern, dass die europäischen Fischereipolitiker die Handlungsempfehlungen der Wissenschaft ernst nehmen. „Leider folgt die Politik den Ratschlägen der Wissenschaftler viel zu oft disproportional.“

Wenn sich Bestände erholt haben, „werden die Fangquoten unverzüglich wieder hoch gesetzt“, hat Zimmermann beobachtet. Anstatt die Quoten umgekehrt genauso schnell den schwindenden Beständen anzupassen, „werden die erforderlichen Reduzierungen dann über Jahre gestreckt“.

Eines der größten Probleme in der europäischen Fischereipolitik ist nach Ansicht Zimmermanns die „Discard“-Praxis, die nach dem englischen Wort für Wegwerfen benannt ist. Tausende Tonnen Fisch müssen jedes Jahr ins Meer geworfen werden, wenn sie als unerwünschter Beifang bei der Jagd auf andere Fische ins Netz gegangen sind. Höchstens fünf Prozent der Fische überlebten diese Prozedur: „Drei von vier Schollen, die in der Nordsee gefangen wurden, werden anschließend über Bord geworfen.“

Ein weiteres großes Problem bei der Bewirtschaftung ist für den Meeresbiologen die unzureichende Kontrolle der internationalen Fangregeln. „Rund 30 Prozent der weltweiten Fänge kommen aus ungeregelter Fischerei“, sagt der Experte. Allein in der östlichen Ostsee liegen die Fangmengen für Dorsch demnach „25 Prozent über den legalen Fängen“.

Auch wenn die Überfischung nach Einschätzung Zimmermanns keine Fischart vom Aussterben bedroht, könnten die Auswirkungen auf das regionale Vorkommen - die sogenannten Bestände - katastrophal sein. Unter Umständen würden ganze Ökosysteme durcheinandergebracht. „Auch durch die Überfischung des Dorschs haben in bestimmten Bereichen der Ostsee die Sprotten stark zugenommen.“ Weil sich diese Art zur Zeit kaum wirtschaftlich nutzen ließe, wollten einige Ostseeanrainer bereits Subventionen für den Sprottenfang zahlen.

Dass es sinnvoller und kostengünstiger sei, behutsam mit den Beständen umzugehen und den wissenschaftlichen Empfehlungen zu folgen, macht Zimmermann an einem Beispiel klar: „Wenn man es zulässt, dass sie sich ungehindert fortpflanzen, würde ein einziges Kabeljau-Pärchen ausreichen, um den Nordseebestand zu regenerieren.“

Gespräch: Wolfgang Heumer, dpa

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