Umwelttechnik
Zeitenwende bei der Bioenergie

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Abfälle zu verwerten ist ein Weg, um die Konkurrenz mit der Lebensmittelproduktion zu vermeiden. Forscher aus Münster haben einen ganz anderen gewählt. Sie lassen auf Flächen, die bisher keinen Landwirt interessieren, Pflanzen wachsen, die Naturkautschuk liefern.

Dirk Prüfer und Christian Schulze Gronover entstaubten dazu ein uraltes Verfahren, aus dem Milchsaft von Löwenzahn Gummi zu gewinnen. Die Biologen haben die russische Art Taraxacum koksaghyz angebaut, deren Kautschukanteil im Milchsaft rund ein Drittel beträgt und damit viel höher ist als beim einheimischen Löwenzahn.

Das Verfahren war während des Zweiten Weltkriegs schon im Einsatz, konnte aber dem lange unschlagbar günstigen synthetischen Kautschuk aus Erdöl keine Konkurrenz machen. Heute ist das anders. Zudem steht die robuste Pusteblume der Lebensmittelproduktion nicht im Weg. Sie wächst, wo andere Pflanzen längst aufgegeben haben.

Laut einer EU-Studie gibt es in Deutschland eine Million Hektar nicht genutzter Flächen, die sich für Löwenzahnanbau eignen. "Ich rechne mit 500 bis 1 000 Kilogramm Kautschukertrag pro Hektar", sagt Prüfer. Theoretisch könnten bundesweit 500 000 Tonnen Naturgummi gewonnen werden. Zum Vergleich: Die deutschen Autoreifenhersteller verwenden für jeden Pneu zur Hälfte Naturkautschuk und verbrauchen pro Jahr 180 000 Tonnen davon.

Auf sechs je 150 Quadratmeter großen Versuchsfeldern bei Münster erproben die Forscher bereits seit zwei Jahren, wie die neue Kulturpflanze am besten gepflegt und gedüngt wird und wie sich der Saft am besten aus der Wurzel ernten lässt, ohne dass der Milchfluss stoppt. Eigentlich sollten in diesem Sommer bereits einige im Gewächshaus verbesserte Varianten auf mehreren Hektar Versuchsfläche angebaut werden: Kooperationspartner wie Reifenhersteller und Produzenten von medizinischen Latexprodukten hatten die Forscher schon gewonnen. Doch dann kam die Finanzkrise, alle Förderanträge lagen auf Eis.

Nun ist die Ausschreibung erneut angelaufen, und Forscher Schulze Gronover hofft, mit dem Großversuch im nächsten Jahr beginnen zu können. Dann soll der kostbare Saft nicht mehr mit einer Laborpipette geerntet werden, sondern mit etwas größerem Gerät, schätzt sein Kollege Prüfer: Im Endausbau werde man die Pflanzen wohl maschinell zerkleinern und den Kautschuk "mit einer Art Honigschleuder" gewinnen.

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  • Keine Lesermeinung, sondern eine Korrektur: biolog sitzt nicht in Landsberg am Lech (Oberbayern), sondern in Queis, einem zu Landsberg im Saalekreis (Sachsen-Anhalt) eingemeindeten Ort.

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