Umwelttechnik Zeitenwende bei der Bioenergie

Tank oder Teller? Bisher ließen sich Kunststoffe, Kautschuk oder Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen nur auf Kosten des Nahrungsmittelanbaus herstellen. Jetzt haben Wissenschaftler Wege aus diesem Dilemma gefunden - die weiße Biotechnik.
  • Oliver Abraham, Susanne Kutter, Susanne Donner
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Löwenzahnwiese in Hohenfelden: Aus der gelben Pflanze könnten pro Jahr 500.000 Tonnen Kautschuk gewonnen werden. Quelle: dpa

Löwenzahnwiese in Hohenfelden: Aus der gelben Pflanze könnten pro Jahr 500.000 Tonnen Kautschuk gewonnen werden.

(Foto: dpa)

Dieses Rotlichtviertel der altehrwürdigen Handels- und Universitätsstadt Delft nahe Rotterdam besitzt einen eigenwilligen Charme: Während sich anderswo leicht bekleidete Damen im farbigen Licht zur Schau stellen, blubbern Hefen, Bakterien, Algen und Pilzkulturen im wärmenden Licht von Infrarotlampen der sogenannten "Red Light Zone" des niederländischen Chemieunternehmens DSM.

Das Labor auf dem DSM-Werksgelände mit seinen langen Reihen aus einkochtopfgroßen Glasbottichen - den Bioreaktoren oder Fermentern - ist die Versuchsküche der Biotechnologen des knapp 23 000 Mitarbeiter starken Konzerns. Hier erproben die Forscher neue Verfahren, um Produkte wie Vitamine, Medikamente oder Kunststoffe mithilfe von Enzymen und gentechnisch veränderten Mikroorganismen effizienter und umweltschonender herzustellen.

Weiße Biotechnik heißt diese Forschungszunft - und Marcel Wubbolts ist ihr Zunftmeister bei DSM: Er leitet als Direktor das entsprechende Forschungsprogramm. Auch sein Gesicht und der sonst blonde Lockenschopf sind in sattes Rot getaucht, wenn er die Versuchsansätze erläutert. Er ist überzeugt, dass die Welt auf solche umweltfreundlichen Verfahren wartet, die er mit seinem 30-köpfigen Forscherteam im idyllischen Delft ausbrütet: "Was hier entsteht, wird uns helfen, von fossilen Energie- und Rohstoffquellen unabhängig zu werden, ohne die Ernährung der Weltbevölkerung zu gefährden."

Es wäre die Lösung eines Problems, das vor gut 200 Jahren entstand: Jegliche industrielle Entwicklung beruht seither auf der Nutzung fossiler Kohlenstoffquellen wie Öl, Gas und Kohle. Dass die Vorräte endlich sind, ist lange bekannt. Trotzdem stammen erst vier Prozent des weltweiten Treibstoffbedarfs aus nachwachsenden Rohstoffen. Und 94 Prozent aller Umsätze in der Chemieindustrie gehen noch auf fossile Rohstoffe zurück. Wie riskant es ist, die letzten Schätze zu bergen, macht das aktuelle Leck der BP-Tiefseebohrung im Golf von Mexiko deutlich. Seit Jahren sucht die Industrie deshalb nach alternativen Rohstoffquellen.

Tank-oder-Teller-Dilemma

Weil es technisch am einfachsten ist, hat sich die Suche bisher ausgerechnet auf die essbaren Rohstoffe Zucker und Stärke konzentriert. Das aber führt zu einer massiven Konkurrenz um Anbauflächen zwischen Rohstoff- und Nahrungsmittelherstellern. Gerade stellte die Unternehmensberatung McKinsey beim Weltkongress der industriellen Biotechnologie in Washington ihren World-Economic-Forum-Report zu Bioraffinerien vor. Report-Autor Nicolas Denis bringt es auf den Punkt: "Vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung sind nur jene Techniken zukunftsfähig, die die Nahrungsmittelproduktion nicht behindern."

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  • Keine Lesermeinung, sondern eine Korrektur: biolog sitzt nicht in Landsberg am Lech (Oberbayern), sondern in Queis, einem zu Landsberg im Saalekreis (Sachsen-Anhalt) eingemeindeten Ort.

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