Umweltverschmutzung
Tödliches Treibgut der Konsumkultur

Plastikmüll bedeckt nicht nur die Strände. Geschätzte 300 000 Stück des Abfalls treiben pro Quadratkilometer allein im offenen Pazifik. Ein britischer Forscher warnt vor einem globalen Problem: Der Müll schädigt Pflanzen und Tiere in den Ozeanen.

HAMBURG. Was beim Strandspaziergang so angenehm zwischen den Zehen knirscht, ist oft nicht nur Sand, sondern entpuppt sich als Kaleidoskop unserer Wegwerfgesellschaft: von der Pommes-Gabel bis zum Eisstiel, von der falschen Muschelschale bis zum entsorgten Schraubverschluss. Manches Artefakt wird schnell zur Attraktion der Sandburg, manches wird von den täglichen Säuberungstrupps eingesammelt. Doch ein Großteil der kleinen Plastikschnipsel bleibt unentdeckt. Und mit jeder Flut gelangt eine neue Wundertüte klitzekleiner Chemieprodukte an die Küste.

Glaubt man den Prognosen von Richard Thompson, dann wird dieser Mikromüll bald weit reichende Folgen nach sich ziehen. Der Leiter der biologischen Arbeitsgruppe an der Universität Plymouth in England befasst sich professionell mit dem ozeanischen Treibgut. Er hat Größe, Form und Farbe analysiert, Verbreitung und Herkunft studiert und sich mit der Giftigkeit der Komponenten beschäftigt. "Plastikmüll gibt es vom Südseeatoll bis zur Tiefsee unter dem Nordpol", warnt Thompson. "Es ist ein globales Problem, und es wird immer schlimmer."

Wer sich wie er einmal die Mühe macht und genauer die Hand voll Sand am Strand untersucht, findet zunehmend Buntes zwischen den Sandkörnern. Denn während wir hier zu Lande täglich sorgsam den Müll trennen, sammeln und zum Recyclinghof bringen, treiben tagtäglich LKW-Ladungen von Plastikmüll an unsere Küsten. Kein grüner Punkt und kein Dosenpfand kann dem internationalen Treibgut die Schranken weisen.

"Plastik ist quasi die Grundlage unserer jetzigen Zivilisation", sagt Thompson. "Im Gegensatz aber zu anderen Wertstoffen fangen wir erst heute an, über ein besseres Recycling nachzudenken." Noch wird Plastik als billiges Material angesehen, und noch entsorgen wir ganz selbstverständlich den Werkstoff nach einmaligem Gebrauch. Die Recyclingrate liegt nur bei wenigen Prozent. Zu verdanken haben wir diesen Siegeszug den praktischen Eigenschaften der Kunststoffe, die sich leicht verformen (griech. "plastein" = formen, bilden) und massenhaft billig herstellen lassen. Jährlich werden etwa acht Prozent der Weltölproduktion zu knapp 100 Millionen Tonnen Plastik umgeformt. Etwa 41 Prozent davon werden in Europa zu Verpackungen, etwa 7 Prozent zu Autoteilen und etwa 8 Prozent zu elektrischen Bauteilen.

Erstaunlicherweise landet ein Großteil der jährlichen Produktion früher oder später im Meer. Dabei sind es nicht nur die Schiffe, die ihren Müll direkt auf hoher See im "blauen Regal" entsorgen, sondern über die Flüsse gelangen - insbesondere nach Hochwasser- und Sturmereignissen - gewaltige Mengen in den Ozean. Geschätzte 300 000 Stück Plastikmüll treiben pro Quadratkilometer allein im offenen Pazifik. Seit Beginn des Siegeszugs des Plastiks sind Milliarden Stück in den Ozeanen verschwunden.

Ob Nylonfäden, Trinkflaschen, Fischernetze, Einkaufstüten oder Glühbirnen: Studien zeigen, dass sich besonders viel Müll entlang den großen Zivilisationszentren findet. Aber auch entlegene tropische Strände können Treffpunkte des schwimmenden Mülls sein, insbesondere wenn sich dort mehrere Meeresströmungen treffen. An einem brasilianischen Strand finden sich überwiegend Verpackungen aus Amerika, Italien, Taiwan, Südafrika und Deutschland, wie Fabiano Barretto vom Projekt "Global Garbage" berichtet.

Ein Grund für das internationale Sammelsurium am jenseitigen Atlantikstrand könnten auch die Kreuzfahrtschiffe sein. Aber Meeresströmungen verfrachten den Zivilisationsmüll weltweit und sorgen so für eine rasche Verbreitung der Artikel. Per Gesetz muss jedes Schiff zwar jederzeit sichtbare Behälter zur Aufbewahrung des an Bord produzierten Mülls bereithalten. Doch wer hält sich schon an diese Richtlinie der "International Convention for Preservation of Pollution from Ships", der Bibel der internationalen Schifffahrt für Umweltschutz seit 1973, bekannt unter dem Namen Marpol? Und wer sorgt für Strafen bei einem Vergehen, dass sich schwer nachweisen lässt?

Dass der Müll seine atlantischen Kreise nicht ohne Folgen zieht, zeigen Thompsons Studien. Jedes Treibsel wird von Organismen erst kritisch beäugt, dann teilweise besiedelt oder im schlimmsten Fall verschluckt. Mehr als 260 verschiedene Tierarten sind nachweislich durch schwimmenden Müll verletzt worden. Besonders spektakulär sind natürlich die Bilder von erdrosselten Meeresschildkröten und Meeressäugern. Meist haben diese Luftatmer, sich in verloren gegangenen Netzen und Leinen verfangen.

Auch in Seevögeln finden sich teilweise enorme Mengen Plastik, da die neugierigen Tiere die Stücke möglicherweise gezielt verschlingen. Einmal im Magen angekommen, wirken die Zusatzstoffe auf das Immunsystem der Organismen.

Eine Plastikflasche im Meer kann 100 Jahre überdauern. Oft zerreiben Wind und Wellen aber die Gegenstände zu Mikroplastik. Richard Thompson hat solche Partikel in Planktonproben und an den englischen Stränden gefunden. Beunruhigend ist, dass diese Mikropartikel mit weniger als 0,3 mm Durchmesser in großen Mengen vorkommen.

Und Kleinstlebewesen, die von den britischen Forschern im Labor mit verschmutztem Wasser konfrontiert wurden, nahmen die künstlichen Stoffe rasch auf. Möglicherweise wirkt sich dies auf die Filterleistung der benthischen Organismen aus, also der Pflanzen und Tiere am Meeresgrund.

Was ist dagegen zu tun? Thompson setzt auf die Verstärkung der Abkommen wie Marpol von der Internationalen Schifffahrtsbehörde IMO. "Wir müssen das Plastik weiter aus den toten Stoffströmen rausnehmen", fordert er. "Sinnvoll wäre auch, mehr auf biologisch abbaubares Plastik zu setzen. Und eine bessere Sortierung der Stoffklassen in Polypropylen und Polyethylen würde dem Recycling helfen."

Ersatzstoffe für Plastik wie die Bierbecher aus Maisstärke sind sicher sinnvoll. Das Zertifikat "kompostierbar" heißt für solche Produkte aber per Definition, dass sie sich wenige Wochen nach Behandlung bei 42 Grad und im sauren Milieu zersetzen - ein Szenario, das im Ozean sehr selten vorkommt. Das Projekt "Fishing for Litter" erlaubt Fischern, ihren bunten Beifang an Bord zu behalten und später an Land kostenfrei zu entsorgen. Ihre Netze haben jedoch zu große Maschen, um Mikroplastik rauszufischen. Es sollte besser gar nicht so weit kommen.

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