Unbegreifliches
Das Zeitalter der Wunder hat gerade erst begonnen

Die Moderne staunt nicht weniger über das Unbegreifliche als das Mittelalter. Zwar sind an die Stelle des religiösen Wunders andere "Wunderwerke" getreten, doch das Staunen über Unerklärlichkeiten an den Grenzen des Wissens ist mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften keineswegs verschwunden.
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DÜSSELDORF. Dass Jesus übers Wasser laufen konnte, glaubt kaum noch jemand. "Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentes glauben", schrieb der protestantische Theologe Rudolf Bultmann schon 1941.

Doch ganz so "entzaubert" und rationalisiert, wie viele Historiker die Moderne sehen, ist sie bei näherem Hinsehen nicht. Ob Wirtschaftswunder, Wonderbra oder die "Welt der Wunder" im Fernsehprogramm, das Staunen über Unbegreifliches nimmt kein Ende. "Wir denken sogar, das Zeitalter der Wunder hat gerade erst angefangen", verkündeten die Historiker Alexander Geppert und Till Kössler zur Eröffnung der Tagung "Unbegreifliche Zeiten. Wunder im 20. Jahrhundert" am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.

Das Mittelalter gilt zwar als wundersüchtig, doch tatsächlich trifft das eher auf die Neuzeit zu. Gerade das 19. Jahrhundert, das Zeitalter der Wissenschaftsgläubigkeit und der Rationalisierung, erlebte eine Hochkonjunktur des Wunders, wie der Theologe Helmut Zander berichtete: "Maria ,erschien?, wie sie es in der christlichen Religionsgeschichte zuvor nie getan hatte."

Bis heute hält sich das Interesse an solchen Visionen, wie Zander am Beispiel der Marienerscheinung in Sievernich im Jahr 2000 veranschaulichte. Und, so Zander, diese zeitgenössischen Erscheinungwunder sind "kompatibel mit moderner Medialisierung": Bilder von wundersamen Kreisen auf einer Wiese erfüllen den Anspruch der von den aufstrebenden Naturwissenschaften verunsicherten Christenheit auf eine objektive Wahrnehmung . Wunder müssen fühlbar und sichtbar werden. Innere Erlebnisse genügen seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr.

Doch religiöse Wunder sind längst nicht mehr die einzigen. Sie werden in der öffentlichen Wahrnehmung weit übertroffen von mehr oder weniger säkularen Wunder(werke)n der Technik, der Wirtschaft, der Politik. Die Unerklärlichkeiten an den Grenzen des Wissens nehmen eben mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften gerade nicht ab, sondern zu.

Der Begriff des Wunders wandelt sich in der Moderne. Während in der frühen Neuzeit die aufkommenden Naturwissenschaften das Wunder endgültig abzuschaffen schienen, werden nun gerade die naturwissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Neuerungen des 19. und 20. Jahrhunderts als Wunder wahrgenommen. Wunder, so Falko Schmieder von der Freien Universität Berlin, sind seit dem 19. Jahrhundert immer öfter die unter kapitalistischem Innovationsdrang systematisch produzierten Neuheiten. Der Moment, wenn etwas bislang Utopisches in der Gegenwart eingeholt wird, das sei das Wunder. Die populäre Schlagzeile vom "Wunderwerk der Technik" bezeugt also die wachsende Kluft zwischen Expertenwissen und Alltagsverstand. Die Neuerungen überfordern den Nichtfachmann, man versteht nicht mehr, man kann sich nur noch wundern.

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