Ungewöhnliche Gletscherforschung
Ente auf Titanic-Kurs

Einen ungewöhnlichen Weg zur Erforschung der weltweiten Gletscherschmelze hat Alberto Behar vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa gewählt: Mit Plastikenten will er den Jakobshavn-Gletscher in Grönland erforschen - den Eisstrom, dessen Eismassen wohl einst die Titanic auf den Grund des Ozeans beförderten. Im Gegensatz zum Ozeanriesen haben die gelben Plastiktiere ihre Unsinkbarkeit schon eindrucksvoll bewiesen.

HEIDELBERG. Am 10. Januar 1992 geriet mitten im Nordpazifik ein Frachter auf dem Weg von Hongkong nach Tacoma/USA in einen starken Sturm. Die schwere See spülte einige der geladenen Container von Deck, darunter eine Ladung Plastikbadespielzeug. Fortan trieben knapp 29 000 gelbe Enten, grüne Frösche, blaue Schildkröten und rote Biber durch die Weltmeere.

Knapp acht Monate später landeten die ersten der Tiere an den Gestaden Alaskas, andere strandeten in Chile, Australien und Indonesien: Sie folgten der großen pazifischen Ringströmung, die den nördlichen Teil des Ozeans umrundet und von der immer wieder kleinere Abzweigungen in Küstennähe oder andere Meere führen.

Die Plastiktiere erregten die Aufmerksamkeit des Ozeanografen Curtis Ebbesmeyer,der nun ihr weiteres Schicksal verfolgte und mit Computermodellierungen voraussagte, wohin sie als nächstes schwimmen würden. Freiwillige Helfer wie Badegäste, Strandspaziergänger oder Küstenschutz meldeten ihm rund um den Pazifik, wo und wann das Getier festes Land erreicht hatte.

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Wie prognostiziert, schwemmte es den Plastikzoo in den Jahren nach der Havarie noch mehrfach an die Küsten Alaskas, Japans und des US-Bundesstaats Washington, bevor sie den Pazifik über die Beringstraße etwa um 1996 verließen. Im eisig kalten Norden schloss das Eis sie ein, doch wurden sie keineswegs zerquetscht oder aufgerieben, sondern drifteten langsam mit ihrer frostigen Hülle hinüber in den Nordatlantik. Fünf bis sechs Jahre sollte diese Reise dauern, und tatsächlich tauchten ab 2001 die ersten "Friendly Floatees" - so benannt von der Herstellerfirma The First Years, Inc. - in Kanada und dem Nordosten der USA auf: Ihre Aufschrift verriet, dass sie die echten Weltenbummler sein mussten.

Ein größerer Teil der Plastikflotte bog allerdings im Labradorstrom scharf nach Osten ab und folgte dem Golfstromsystem gen Europa, wo die Ankunft ab 2007 von Presse und Forschung begleitet wurde. "Die Ersten der Plastikenteninvasion gehen in Devon an Land", titelte die Times in freudiger Erwartung. Und tatsächlich trudelten ab August immer mehr der weit gereisten Gesellen in Irland, Südwestengland und später der Bretagne ein - die Enten und Biber von Sonne und Salzwasser ausgebleicht, die Schildkröten und Frösche dagegen fast in alter Farbfrische. 27 000 Kilometer hatten manche bereits zurückgelegt und damit auch die Erforschung der Meeresströmungen vorangebracht.

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