Universitäten
Gegen die Reformitis

Verkehrte Welt: Streikende Studenten und namhafte Bildungspolitiker wollen in überraschender Eintracht den Bologna-Prozess in Deutschland auf den Prüfstand stellen. Die Universitäten stellt das vor große Probleme.
  • 1

KONSTANZ. Die Studenten streiken. Sie halten das Audimax mehrerer Universitäten besetzt und protestieren gegen die Verschulung und den Prüfungsdruck der neuen Bachelorstudiengänge. Sie sind auch gegen Studiengebühren, aber für mehr Bafög, Mitbestimmung und mehr Chancengleichheit für alle sozialen Schichten und mehr soziale Durchlässigkeit im Bildungssystem. So weit, so üblich.

Merkwürdig ist aber einiges an diesem Streik. Der Ursprung dieses Protestes kommt aus Österreich. Österreich? Angeblich streiken dort sogar mehr deutsche Numerus-Clausus-Flüchtlinge als österreichische Studenten. Vielleicht werden sie sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn dort nach dem Streik mehr Zulassungsbeschränkungen und/oder Studiengebühren von ausländischen Studenten erhoben werden.

Und dann werden die Studenten in ihrer Kritik auch von Hochschulleitungen, der Hochschulrektorenkonferenz und sogar der Bildungsministerin höchstselbst unterstützt. Vor der Wahl war noch alles okay mit der Umstellung auf Bachelor, jetzt gibt es plötzlich „handwerkliche“ Fehler bei der Umsetzung der so tollen Bologna-Idee mit dem Bachelor und dem Master.

„Handwerkliche Fehler“ ist gut. Die neuen Studiengänge mussten von privaten (!) Akkreditierungsagenturen zugelassen werden. Ein schlechter Witz. Denn es gab sie ja noch nicht einmal, aufgrund welcher Kriterien sollten sie also begutachtet werden? Außerdem war diese Methode nichts als ein Bereicherungs- und Zeitverschwendungssystem, von dem allein pensionierte Bildungspolitiker und ihre Agenturen profitierten.

Seite 1:

Gegen die Reformitis

Seite 2:

Kommentare zu " Universitäten: Gegen die Reformitis"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Also was ist eigentlich der bologna-Prozess?

    Ziel des bologna-Prozesses ist eine Verkürzung der Studienzeit eines abgeschlossenen Studienabschlusses - genannt bachelor. Damit soll der Student befähigt werden nach der wissenschaftlichen Grundausbildung nach rd. 3 Jahren in die Wirtschaft einzusteigen. Vertiefende Kenntnisse der Absolventen sind in vielen berufsbildern nicht notwendig.

    Daneben sollten die bachelor und Masterstudiengänge die Durchlässigkeit des Studiums für "ausländische Studenten" erhöhen.

    Eine gewisse "Verschulung" soll es den Universitäten und FH´s ermöglichen ein mehr an Studienanfänger mit den gleichen Mitteln (Personal- u. Sachmittel) zu bewältigen. Auch sollte es in Zukunft ausgeschlossen sein, dass "Langzeitstudenten" ohne jeden Abschluss nach einer Studiendauer von 6 - 8 Jahren von der Uni oder FH abgehen.

    Persönlich bin ich der Meinung, dass die Ziele der europäischen STudienreform nicht schlecht sind. Lediglich die Umsetzung der Vorgaben - sowohl der europäischen Ziele, als auch die nationale Umsetzung ist mehr als mangelhaft. Es müsste für jedes Studienfach die Umsetzung der Ziele zwischen Professoren, Studierenden und Vertretern der Wirtschaft bzw. der zukünftigen Arbeitgeber diskutiert und neue Lehrpläne festgelegt werden.

    Diese "Kernerarbeit" wird aber leider hinter verschlossenen Türen unter Professoren erledigt. Eine Einbeziehung der "betroffenen" (Studis, Eltern, Wirtschaft, sonstige gesellschaftlichen Gruppen) findet in Deutschland so gut wie nicht statt. Die Proteste sind der Ausdruck des allgemeinen Frustes an Hochschulen (die Übrigens von Professoren, Wissenschaftlichen Mitarbeitern, betrieben und den Eltern geteilt werden).

    Vielleicht schafft man es dieses Jahr ein "umfassenderes Paket" für die bildung zu schnüren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%