Urmenschen
Neandertaler: Zum Leben zu wenig

Die unerwartet dünne Besiedlung Europas war offensichtlich ein wesentlicher Grund für das Aussterben der Neandertaler vor knapp 30 000 Jahren. Das ist eines der Ergebnisse der bisher umfangreichsten Neandertaler-Gen-Studie. Der Befund hat auch Auswirkungen auf die Frage, ob wir mit dem Urmenschen direkt verwandt sind.
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BONN/WASHINGTON. Es war offensichtlich die extrem geringe „Bevölkerungsdichte“ des Kontinents, die für die Neandertaler das bislang rätselhafte Ende ihrer Art bedeutet hat: Wohl kaum mehr als 7 000 bis allerhöchstens 10 000 dieser frühen Menschen haben in der Spätphase der Neandertaler-Epoche gleichenzeitig Europa besiedelt. Dies ist eines der überraschenden Ergebnisse der bisher umfangreichsten Neandertaler-Gen-Studie, die an diesem Freitag im US- Fachjournal „Science“.

Seuchen oder schlechte Ernährungsbedingungen hätten damit ein ganz leichtes Spiel bei der Ausrottung der Neandertaler gehabt, meint der Bonner Urgeschichtler Ralf Schmitz als Mitautor der Studie: „Dann ist so eine kleine Population empfindlich und auf einmal sang- und klanglos verschwunden.“ Bisher sei man von bis zu 50 000 gleichzeitig lebenden Neandertalern ausgegangen, die nach gängiger Annahme vor knapp 30 000 Jahren vom nachfolgenden Homo sapiens, dem Vorfahren des modernen Menschen, verdrängt worden seien.

Weiterhin, so erläutert Schmitz, belege die Untersuchung erneut eindeutig, dass der populärste Urmensch der Welt nicht in die Ahnenreihe heutiger Europäer gehöre. Schon vor rund einem Jahrzehnt hatte ein erster Vergleich zwischen dem Erbmaterial des Namenspatrons aus dem Neandertal mit der DNA moderner Menschen die These bestätigt, dass der ferne Vetter heutiger Europäer einen abgestorbenen Zweig der Evolution darstellt. Damit bekomme auch die heftig diskutierte „Out of Africa“-Theorie neuen Aufwind, wonach der moderne Mensch vor rund 100 000 Jahren aus seiner Urheimat Afrika nach Europa eingewandert sei.

Für die jüngste Studie hatte die internationale Gruppe um Adrian W. Briggs vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erstmals Gen-Material von gleich sechs Neandertaler- Skeletten untersucht - mit Methoden, „von denen wir vor drei Jahren noch geträumt haben“, wie Gruppenmitglied Schmitz betont. Die untersuchten Neandertaler lebten vor 60 000 bis 40 000 Jahren in Spanien, dem Neandertal bei Düsseldorf, Kroatien und dem Kaukasus.

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