Vielseitiger Werkstoff
Aus Zucker wird Biokunststoff

Biokunststoffe sind durch und durch umweltverträglich. Sie kommen nicht nur ohne Erdöl aus, sie lösen auch das Entsorgungsproblem. Mikroorganismen zersetzen ausgediente Produkte aus dem Material in wenigen Tagen. Im Vergleich zu herkömmlichen Kunststoffen spielt der Ökoplastik zwar heute noch keine Rolle, doch das soll sich ändern.

DÜSSELDORF. Forscher sind weltweit auf der Suche nach billigeren Produktionsmethoden und Ausgangsmaterialen. Die Vermarktung der Biokunststoffe sei in der frühen Phase, heißt es bescheiden beim Europäischen Verband für Biokunststoffe. Erst 50 000 Tonnen Biokunststoffe wurden im Vorjahr in Europa zu Tüten und Bechern gezogen. Dagegen wanderten hunderte Millionen Tonnen an herkömmlichem Plastik über die Fließbänder.

Fest steht: Eines Tages wird sich das Kräfteverhältnis umkehren. Sind die Erdölreserven verbraucht, wird es zu Biokunststoffen keine Alternative mehr geben. Als einen „schlafenden Riesen“ bezeichnet daher Urs Hänggi, Chef der Münchner Firma Biomer, den Stoff, auf den er seine Hoffnungen setzt: PHA. Das Kürzel steht für Polyhydroxyalkanoat – und Hänggi ist sich sicher: Vom PHA ließen sich einige Millionen Tonnen verkaufen, weil es den Massen-Werkstoffen Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) ähnelt. Vom Joghurtbecher über die Fahrzeugarmatur bis zum Blumentopf kann nahezu alles aus dem biobasierten Plastik geformt werden. Die Verarbeitungs-Maschinen müssten nicht einmal umgerüstet werden.

Bisher gebräuchliche Biokunststoffe wie die Polymilchsäure (PLA) haben dagegen ihre Tücken: Zwar webt bereits Versace atmungsaktive Sportbekleidung daraus, und auch kompostierbare Folien für Wurst und Fleisch werden aus PLA erzeugt. Doch weil der Biokunststoff bei 50 Grad Celsius weich wird, kann er nicht sterilisiert werden und scheidet aus für die heiße Abfüllung von Lebensmitteln. „PLA hat in reiner Form nicht das Zeug zur Massenware“, sagt Hänggi.

PHA dagegen macht Hitze nichts aus. Als erste Testobjekte lässt Hänggi daraus unter anderem Hülsen für Feuerwerkkörper und medizinische Teststreifen herstellen. Ausgediente Produkte werden von Mikroorganismen binnen Tagen zersetzt. „Kühe auf der Weide können die Feuerwerkskörper aus PHA nach Silvester fressen“, witzelt der Münchner. Damit kann das Bioplastik dorthin zurückkehren, wo es täglich entsteht.

PHA wird von zehn Prozent der Bodenorganismen auf natürliche Weise gebildet. „Es ist von der Natur nie als Plastik gedacht worden“, sagt der Biomer-Chef. „Der Kunststoff ist das Fettbäuchlein der Bakterien.“ Die Winzlinge speichern Energie in Form von PHA für Hungersnöte. Damit die Organismen reichlich Kunststoff ansetzen, müssen die Biotechniker es ihnen allerdings ungemütlich machen. Sie entziehen ihnen Stickstoff und Phosphor. Derart unter Druck gesetzt, verwandeln die Mikroben drei Kilogramm Zucker in ein Kilogramm Plastik.

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