Vier Fragen an: Jochen Taupitz
„Ein Verbot ist nicht gerechtfertigt“

Die Bundesregierung hat bekräftigt, dass die Herstellung von Chimären in Deutschland verboten ist. Im Gespräch mit dem Handelsblatt spricht Jochen Taupitz, Medizinjurist und Mitglied des Deutschen Ethikrates, darüber, was deutsche Forscher dürfen und was ethisch vertretbar ist.

Macht sich ein Forscher hierzulande strafbar, der einen Embryo aus der Eizellhülle einer Kuh und dem Zellkern eines Menschen erzeugt?

Meiner Ansicht nach ist dies in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz nicht verboten. Alle Tatbestände in Paragraf 7 zur Chimären- und Hybridbildung greifen nicht. Denn beide Komponenten sind keine Embryonen. Es wird auch keine menschliche oder tierische Eizelle befruchtet. Umstritten ist aber, ob das Ergebnis des Verfahrens ein menschlicher Embryo ist und damit das Klonverbot aus Paragraf 6 greift. Das Zellkerntransferverfahren, also die Verpflanzung eines Zellkerns in eine fremde Zellhülle, kann zwar nach Auffassung vieler Juristen zu einem verbotenen Klon führen, also einem Embryo mit der gleichen Erbinformation wie ein anderer. Aber dies gilt nur dann, wenn alle Zutaten menschlich sind. Das ist bei den Experimenten in England nicht der Fall. Da es in Deutschland also kein hinreichend deutliches Verbot gibt, gilt die Freiheitsvermutung des Grundgesetzes: Was nicht verboten ist, ist erlaubt.

Halten Sie ein ausdrückliches Verbot für ethisch wünschenswert?

Nein, ich hielte ein Verbot für nicht gerechtfertigt. Für mich ist grundsätzlich die Nidation entscheidend, die Einnistung in der Gebärmutter. Ohne mütterliche Signale entwickelt sich ein Embryo nicht weiter. Die Nidation ist wesentlich für den Lebensschutz und Schutz der Menschenwürde. Das, was im Labor geschieht, unterliegt anderen Maßstäben als ein Lebewesen, das über die Nidation bis zur Geburt heranreift.

Mindert der tierische Anteil an den Embryonen die moralischen Bedenken?

Einerseits braucht man für dieses Verfahren keine menschlichen Eizellen mehr, so dass es nicht zur befürchteten Ausbeutung von Frauen als Eizellspenderinnen kommt. Manche haben aber umgekehrt besonders große Bedenken, da die Grenze zwischen den Arten überschritten wird.

Ab wann kann man überhaupt von einer Chimäre sprechen?

Eine Chimäre entsteht bei jeder Transplantation, wenn Erbmaterial verschiedener Individuen einer Art (intraspezifisch) oder verschiedener Arten (interspezifisch) verwendet wird. Im Falle der Chimären-Embryonen stellt sich die Frage, für wie bedeutend man die Erbinformation in den Mitochondrien hält, die in der tierischen Eizellhülle steckt.

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