Völkerpsychologie
Das Eigene und das Fremde erkennen

Die Erforschung der kulturellen Psyche galt lange Jahre als erledigt. Doch mit der Globalisierung der Wirtschaft kommt wieder die Frage auf, warum die "anderen" sich nicht so benehmen, wie "wir" es tun - und die Völkerpsychologie kehrt zurück.

DÜSSELDORF. Auf einer Urlaubsreise findet man ein fremdes Land vielleicht noch aufregend und ist fasziniert. Doch wenn man mit seinen Bewohnern dauerhaft zusammenarbeiten muss, kann deren Fremdheit schnell zum Ärgernis werden. Auslandseinsätze und Arbeitsgruppen mit Menschen aus anderen Kulturen sind heute für viele Menschen selbstverständlich. Enorme Schwierigkeiten gehören meist dazu. Alltagsfragen wie die, ob man einem Japaner die Hand schütteln soll oder nicht, sind noch das geringste Problem.

Nach Berechnungen von Alexander Thomas, Psychologie-Professor an der Universität Regensburg, wird fast die Hälfte aller geschäftlichen Auslandsaufenthalte abgebrochen, und bis zu 70 Prozent aller ins Ausland entsandten Fach- und Führungskräfte kehren früher als ursprünglich geplant zurück. Der ökonomische Schaden ist enorm. Neben unmittelbaren Ausfällen durch verpatzte Unternehmungen können finanzielle Folgeschäden durch Imageverlust sowie gestörte Beziehungen zu einheimischen Mitarbeitern und Kunden entstehen. Und all das nur, weil die "anderen" sich eben nicht immer so benehmen, wie "wir" es tun.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den psychologischen Unterschieden der Völker (politisch korrekt spricht man heute lieber von "Kulturen") ist so alt wie die Psychologie selbst. Begründer der Disziplin "Völkerpsychologie", zwischen Völkerkunde, Volkskunde und Psychologie angesiedelt, waren Mitte des 19. Jahrhunderts Moritz Lazarus (1824-1903) und Heymann Steinthal (1823-1899). Der Urvater der experimentellen Psychologie Wilhelm Wundt (1832-1920) schrieb eine zehnbändige "Völkerpsychologie". Aus heutiger Sicht war das eher kulturhistorische Forschung, die sich mit den sozialen, geistigen Dimensionen des Verhaltens befasste wie Sprache und Religion. Fremde, nicht-europäische Völker wurden damals noch sehr distanziert betrachtet - "ein bisschen wie in einem Zirkus", sagt Thomas. Die Forscher zu Wundts Zeiten suchten Unterschiede zwischen der weißen Rasse und den damals noch bedenkenlos als "primitiv" bezeichneten Völkern.

Nach dem Ende der Kolonialherrschaft der Europäer und angesichts der Globalisierung des Wirtschaftslebens geht es nun nicht mehr darum, Menschen aus anderen Kulturen nur zu betrachten, sondern mit ihnen zusammenzuarbeiten. Für das Scheitern vieler interkultureller Geschäftsbeziehungen sei ein Mangel an "interkultureller Handlungskompetenz" verantwortlich, glaubt Thomas.

Der Psychologe hat über 600 deutsche Fach- und Führungskräfte in den verschiedensten Ländern nach typischen Situationen befragt, die sie bis heute nicht verstanden haben. Aus diesen Beschreibungen hat er zusammen mit anderen Geisteswissenschaftlern Kulturstandards erarbeitet. Ein Beispiel: Chinesen seien sehr hierarchieorientiert, dafür würden sie einen gewissen "Regelrelativismus" leben. Es sei in Asien nicht ungewöhnlich, Regeln und Gesetze den vorhandenen Gegebenheiten anzupassen - und auch mal zu ignorieren.

Es ist aber nicht nur sinnvoll, die Standards anderer Kulturen zu erfahren, sondern zunächst einmal seine eigenen kulturellen Prägungen zu kennen. Allein dadurch können schon Konflikte umgangen werden. Wie sind wir Deutsche also, kulturpsychologisch betrachtet?

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