Vogelgrippe
Unbekannter Eindringling H5N1

Aus heiterem Himmel kommt eine Infektionskrankheit wie die Vogelgrippe sicherlich nicht. Doch wie die mittlerweile weltberühmte Virus-Variante H5N1 nach Deutschland gelangte und wie das Virus sich weiter ausbreiten und verändern kann, ist unter heutigen Wissenschaftlern so strittig wie die Frage nach der Ursache der Pest für die Zeitgenossen im 14. Jahrhundert.

DÜSSELDORF. Seriöse Wissenschaftler sind sich zwar im Gegensatz zu "Experten" in Nigeria einig, dass die Vogelgrippe nicht von "Teufeln" stammt und daher auch nicht mit Voodoo-Maßnahmen bekämpft werden sollte. Aber die vagen Formulierungen überwiegen, wenn sich Virologen oder Vogelkundler zum Infektionsweg des Virus äußern. Patentrezepte liefern nur die Quacksalber - in Afrika und auch Europa - wie jener tschechische Anbieter eines Mineralwassers, das gegen das Virus immun mache.

Bevor die Bilder der toten Schwäne in Mecklenburg-Vorpommern die Nation in Panik versetzten, rechnete man allgemein damit, dass erst mit der Rückkehr der Zugvögel die Vogelgrippe nach Mitteleuropa kommt. Die auf Rügen verendeten Schwäne waren aber keine Zugvögel. Die traurige Wahrheit ist, dass wir nicht genau wissen, wie das Virus nach Deutschland gelangte.

"Eine Hypothese ist, dass infizierte Schwäne vor der Kälte aus dem Baltikum geflohen sind. Vor der Wittower Fähre war eine der wenigen eisfreien Stellen an der Küste. Dort drängten sie sich eng zusammen - wie in einer Massentierhaltung - und begünstigten damit die Ausbreitung des Virus", vermutet Christine Klaus vom Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems. Seit 2001 betreiben die Riemser Forscher ein intensives Monitoring: "Allein seit dem Herbst untersuchten wir rund 5 000 Wildvögel." Dabei wurde auch der Erstausbruch bei den Schwänen in Wittow entdeckt. Der Haken nur: Im Baltikum und Polen waren bis dahin noch keine Vogelgrippe-Fälle bekannt.

"Diese Vorstellung passt nicht", kritisiert der Vogelkundler Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee: "Die letzten Vögel aus H5N1-infizierten Gebieten kamen im vergangenen Herbst aus Russland und Rumänien." Seine Vermutung: "Ich habe den Eindruck, das Virus schlummert schon länger an verschiedenen Stellen und bricht unter Bedingungen aus, die wir nicht genau durchschauen." Die Vogelgrippe sei daher spätestens schon im vergangenen Jahr nach Deutschland gelangt, vielleicht schon früher - ohne auszubrechen. Untersuchungen in Ostasien hätten bereits gezeigt, dass ein sehr kleiner Anteil der wilden Wasservögel das Virus tragen und auch weitergeben könne, ohne dass es zu einem Massensterben komme. Das plötzliche Schwanensterben auf Rügen könne auf das Zusammenfallen von Virusinfektion und Schwächung durch den langen Winter zurückzuführen sein.

Das Problem ist schlicht, dass über das Virus in lebenden Tieren noch nicht viel bekannt ist. Bisher werden in einer meist mehrere Tage dauernden Prozedur fast nur Kadaver verendet aufgefundener Tiere getestet. Einzig eine vergleichsweise geringe Zahl (2500) von Fäkal- und Speichelproben frisch geschossener Wildvögel konnte am Friedrich-Löffler-Institut untersucht werden. In 21 Proben wurde das Vogelgrippe-Virus festgestellt. Doch es fehlen genauere Angaben über die Vogelarten. "Noch steht überhaupt nicht fest, ob die Wildvögel das Virus tatsächlich verbreiten", sagte Karl Eduard Linsenmair, Präsident der Gesellschaft für Tropenökologie, der "Zeit".

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