Vulkanismus
Wirbelnde Feuerstürme

Apokalyptische Szenen spielen sich ab, wenn Vulkane explodieren: Asche verdunkelt den Himmel, Blitze durchzucken das Firmament, Staubteufel und Wasserhosen rasen durch die Lüfte. Obwohl diese Phänomene die Menschen schon lange schrecken, weiß man bis heute wenig über ihre Ursachen. Jetzt konnten Wissenschaftler erstmals Parallelen zu einer anderen Naturkatastrophe nachweisen.
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HEIDELBERG. Die See brodelte, Asche und Dampf schossen in die Höhe und "rotierten wie ein horizontales Rad" über das Wasser. Am Rande der Wolke entluden sich stetig Blitze und hüllten sie in einen blinkenden Umhang, Wasserhosen zogen über das Meer. Ein unterseeischer Vulkan im Gebiet der Azoren war ausgebrochen und beeindruckte - vielleicht auch verängstigte - mit seinem Spektakel Besatzung wie Kapitän der britischen Fregatte "Sabrina", die gerade auf dem Weg nach São Miguel war, der Hauptinsel des Archipels.

Im Angesicht der Naturgewalten, die er am 12. Juni 1811 erblickte, verfasste Kommandeur S. Tillard einen Bericht, der bis heute wohl einmalig ist: Er scheint die einzige Aufzeichnung eines Vulkanausbruchs zu sein, in der gleichzeitig auf die Phänomene Blitz, rotierende Aschewolke und Wasserhosen hingewiesen wird. Nun hat er das Interesse von Geowissenschaftlern um Pinaki Chakraborty von der University of Illinois in Urbana geweckt. Denn das vulkanische Schlechtwetter hat offenkundige, wenngleich bis heute übersehene, Parallelen zu einem anderen meteorologischen Extremereignis: Tornados - jene starken Luftwirbel, die staubsaugerartig alles in sich hochreißen, was auf ihrem Weg liegt, und immer wieder den Mittleren Westen der USA verwüsten.

Sie entstehen, wenn feuchtwarme Luftmassen rasch aufsteigen, kondensieren und Energie freisetzen. Starke Scherwinde in der Höhe reißen die Aufwinde mit, kippen und strecken sie, so dass sich ein Paar gegenläufiger, senkrechter Wirbel bildet. Am Ende entsteht so ein schneller rotierender Luftwirbel: die Wind- oder Wasserhose.

Diese Faktoren wirken auch in den Eruptionswolken explosiver Vulkanausbrüche, wobei die auftretenden Kräfte um einiges stärker sind als in einem Tornado: Mit bis zu 600 Metern pro Sekunde schießen heiße Gase im Zentrum des Ausbruchs nach oben, an den Rändern erreichen sie immerhin noch ein Drittel dieser Geschwindigkeit. Verglichen dazu sind Tornados mit Aufstiegsgeschwindigkeiten der beteiligten Luftmassen von 10 Metern pro Sekunde lahme Enten. Windscherung zwischen der Rauchsäule und der umgebenden Atmosphäre sorgen für zusätzlichen Antrieb. Die gesamte Eruptionswolke rotiert um ihre eigene Achse, und es entsteht ein vulkanischer Mesozyklon, der robuster ist als sein Gegenstück in einer Gewitterzelle.

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