Welt-Aids-Konferenz in Toronto
Chemische Kondome als Hoffnung für entrechtete Frauen

Stephen Lewis, UN-Sondergesandter für den Kampf gegen Aids in Afrika, hebt die Stimme, wenn er von den entrechteten Frauen des Kontinents spricht. „Es ist absolut unerträglich, und vielleicht das Schlimmste, was es im Zusammenhang mit Aids gibt“, sagt er. Wie jetzt auf der Welt-Aids-Konferenz im kanadischen Toronto wirbt Lewis für so genannte Mikrobizide, wo er kann.

dpa TORONTO. Mit solchen Präparaten, die bisher allerdings erst in der Erprobung sind, sollen sich Frauen selbstbestimmt gegen das tödliche Virus schützen können. Das erste derartige „chemische Kondom“ könnte vielleicht im Jahr 2009 auf den Markt kommen.

Mikrobizide werden als Gel oder mit einem Silikonring in die Scheide gebracht und bilden dort eine chemische Barriere gegen den Aidserreger HIV. Hoffnung für viele unterdrückte Frauen, die sich - oft aus wirtschaftlicher Abhängigkeit - nicht gegen ungeschützten Verkehr wehren können, selbst wenn sie ahnen oder wissen, dass der Mann andere Sexpartnerinnen hat. Um das Verhalten der afrikanischen Männer zu ändern, brauche es Generationen, betont Lewis. „Die Frauen sterben aber jetzt.“ Mit Mikrobiziden läge der Schutz in den Händen der Frauen, die besonders in Afrika zunehmend von HIV und Aids getroffen werden.

Ähnlich sieht es Bill Gates, dessen private Stiftung erst kürzlich 500 Mill. Dollar (393 Mill. Euro) für den Kampf gegen Aids zugesagt hatte. „Wir brauchen Werkzeuge, mit denen sich die Frauen selbst schützen können“, betont Gates, der mit seiner Frau Melinda für das gemeinsame Engagement des Ehepaars gegen die Immunschwäche in Toronto gefeiert wurde. „Das gilt für eine treu verheiratete Mutter kleiner Kinder ebenso wie für eine Prostituierte, die sich in einem Slum durchschlägt. Egal, wo sie lebt, oder wer sie ist, oder was sie tut - eine Frau sollte niemals die Erlaubnis ihres Partners benötigen, um ihr eigenes Leben zu retten.“

Auch Peter Piot, Chef des Aidsbekämpfungsprogramms Unaids der Vereinten Nationen, fordert eine Verdoppelung der Forschungsausgaben für Mikrobizide. Aber selbst wenn eines Tages ein Mikrobizid auf dem Tisch liegen sollte, wäre das nicht die Lösung aller Probleme: Das Gel oder die Silikonringe müssten großflächig verteilt und ihre Wirkung den Frauen erklärt werden - alles zu möglichst geringen Kosten. Doch selbst für die Behandlung todkranker Aidspatienten fehlen Ärzte und Krankenschwestern. Und wie die Männer eines Dorfes auf fremde Berater mit Gelen und Silikonringen für ihre Frauen reagieren, ist auch nicht klar.

Selbst in den USA und Europa sind Silikonringe mit Verhütungshormonen nicht weit verbreitet. Die gemeinnützige International Partnership for Microbicides (IPM) überlegt daher auch, wie die Hilfe die Menschen wirklich erreichen kann - auch Stephen Lewis betont diesen Teil der Arbeit.

Momentan stehe die Forschung an den Präparaten noch am Beginn, ähnlich wie zu den Anfangszeiten bei den HIV-Medikamenten, betont IPM-Leiterin Zeda Rosenberg. Wichtig sei, möglichst viele Medikamente, Gele, Ringe, Zäpfchen und anderes zu testen - das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende tatsächlich ein Mikrobizid stehe. Eine der Hoffnungen: Medikamente, die bereits auf dem Markt sind, sollen in veränderter Formulierung helfen. Etwa in einem Silikonring, der das Mittel über lange Zeit freisetzt. Damit lassen sich Konzentrationen im Gewebe erreichen, die schützen könnten, erklärt Rosenberg.

Die Pharmariesen Merck und Bristol-Myers Squibb haben zugesagt, dass die IPM einige ihrer neuen und noch im Test befindlichen Substanzen zur Produktion eines Gels einsetzen darf. Diese so genannten Entry-Inhibitoren sollen verhindern, dass das Virus überhaupt in die Zellen des Menschen eindringt - das ist die Voraussetzung für die Infektion. Die Pharmaindustrie wird vielfach kritisiert, sie enthalte ihre hilfreichen Substanzen den bedürftigsten Menschen - rund 90 Prozent von ihnen leben in den armen Ländern - vor. Viele Beobachter sehen in der Zusagen der beiden Firmen das Interesse, den Ärmsten zu helfen. Möglicherweise wäre ein Mikrobizid auch in den Industriestaaten interessant, abhängig vom Wirkstoff ließen sich damit vielleicht auch andere Erreger bekämpfen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%