Weltraum-Prestigeprojekt
Galileo ist schon wieder auf der schiefen Bahn

Das europäische Weltraum-Prestigeprojekt Galileo steckt erneut in ernsten Schwierigkeiten. Nachdem hinter den Kulissen Monate lang heftiger Streit im multinationalen Betreiberkonsortium des Satelliten-Navigationsprogramms herrschte, wackelt nun der Zeitplan des gesamten Projekts.

BRÜSSEL / MÜNCHEN. „Wenn nicht bald eine Entscheidung fällt, könnten die Folgeaufträge für unsere mittelständischen Lieferanten bedroht sein“, hieß es aus deutschen Industriekreisen. Seit mehreren Monaten ist das aus acht Firmen bestehende europäische Betreiberkonsortium tief zerstritten. Dem Vernehmen nach sind es vor allem die in Staatsbesitz befindlichen beiden spanischen Unternehmen Aena und Hispasat, die einen Fortschritt blockieren. In deutschen Industriekreisen hieß es, die Spanier wollten unter anderem ein weiteres Kontrollzentrum erhalten. „Hier geht es nicht um das Unternehmen, es geht um Politik“, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter eines am Projekt beteiligten Unternehmens dem Handelsblatt.

Galileo gilt als derzeit wichtigstes europäisches Raumfahrtprojekt, wie beim Flugzeugbauer Airbus behindern national motivierte Verteilungskämpfe immer wieder Fortschritte. Ursprünglich sollte das System aus 26 geostationären Satelliten, das als Konkurrenz zum bestehenden amerikanischen GPS-System gedacht ist, bereits 2006 voll funktionstüchtig sein. Doch konnte die erste Erprobungsphase nach langen Rangeleien erst vor Kurzem gestartet werden. Das Projekt hat einen Umfang von heute mindestens vier Mrd. Euro und sichert tausende Jobs in der Raumfahrtindustrie.

Derzeit läuft das Satellitenprogramm auf Sparflamme. Ein Testsatellit ist unterwegs, im Mai soll eine erstes Testzentrum in Berchtesgaden seine Arbeit aufnehmen. Im Dezember soll ein zweiter Testsatellit starten; völlig offen ist derzeit aber, wann die Folgeaufträge für den Bau der eigentlichen Galileo-Flotte erfolgen. Davon hängt die Zukunft zahlreicher mittelständischer Zulieferer auch in Deutschland ab.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kritisierte die Blockade im Betreiberkonsortium, zu dem neben den Spaniern unternehmen auch EADS, die französischen Gruppen Thales und Alcatel-Lucent, die britische Inmarsat, Italiens Finmeccanica und die Deutsche Telekom gehören. Tiefensee befürchtet, dass der Start des Systems um ein weiteres Jahr auf 2012 verschoben werden muss. „Das Industriekonsortium hat die Hausaufgaben nicht gemacht“, sagte Tiefensee, ohne Schuldige zu nennen.

Auch EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot warnte vor weiteren Verzögerungen. In einem Brief an den deutschen EU-Vorsitz und an das Galileo-Konsortium verlangte Barrot, die Probleme schnellstmöglich zu lösen. Der Brief komme einem Alarmruf und einer „Art Ultimatum“ gleich, hieß es in Brüssel. Wenn das Konsortium seine Zusagen nicht bis Juni erfülle, „werden wir uns nach Alternativen umsehen“, erklärte ein Sprecher des Kommissars.

Beobachter erinnerten angesichts des Streits im Konsortium an das Vorgehen Deutschlands beim vorletzten Streit um Galileo. Die Deutschen hatten Zahlungen mit dem Verweis auf deutsche Industrieinteressen zunächst blockiert und dann erreicht, dass die Deutsche Telekom ins Betreiberkonsortium einrückt.

Das damals erzielte Abkommen hat aber offenbar keinen Frieden gebracht. „Spanien wiederholt politisch nur das, was Deutschland vorexerziert haben“, sagte ein Industrievertreter. Technisch, so der Ingenieur, käme Galileo auch ohne die Spanier aus.

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