Weltumrundung mit Solarkraft
Piccards Prime-Projekt

Auch wenn einzelne Unternehmen vielleicht enttäuschen, die Solarbranche ist eindeutig im Aufwind. Dies möchte der Schweizer Psychiater und Abenteurer Bertrand Piccard sehr plastisch demonstrieren – er plant, mit einem solarbetriebenen Flugzeug, die Welt zu umrunden.

ZÜRICH. Im Riesenairbus herrscht Kabelsalat, der Militärtransporter A 400M muss länger auf Testflug als geplant und Solarworld enttäuscht die Analysten. Die zusammengefassten Nachrichten aus den Branchen der Sonnenenergie- und Luftfahrt-Produzenten klangen zu Wochenbeginn nicht gut – wäre da nicht Betrand Piccard gewesen.

Der Abenteurer, der im Hauptberuf Psychiater ist und zwischendurch als erster die Erde in einem Fesselballon umrundet hat, dessen Vater 11 000 Meter tief in den Marianengraben tauchte und dessen Großvater als erster in die Stratosphäre vorgestoßen ist, kann es nicht lassen. Er will im Jahr 2011 gemeinsam mit André Borschberg in einem Flugzeug mit Solarantrieb die Welt umkreisen. Theoretisch muss das Flugzeug, dessen Batterien immer wieder Sonnenenergie betankt werden, niemals landen. Praktisch braucht der Pilot natürlich hin und wider eine Mütze voll Schlaf, weswegen HB-SIA, wie das Kürzel des Flugzeugs heißt, doch mal runter muss. Dennoch ist das Gerät, das mit 61 Metern Spannweite wie ein Segelflugzeug mit den Ausmaßen einer Passagiermaschine daher kommt, fast ein Perpetuum Mobile, also etwas, das sich von selbst bewegt.

Und weil dieses Projekt einige Faszination ausübt und nicht zuletzt Piccard neben seinen übrigen Qualitäten auch Meister der Selbstvermarktung ist, schuf er mit Blick auf das bevorstehende Flugabenteuer gestern in Zürich ein Ereignis, das ganz objektiv nicht viel mehr als ein Modellflugzeug, einige Computersimulationen und ein paar ausgestellte Flugzeugteile enthielt. Ganz subjektiv, also aus Piccards Sicht, war es allerdings eine Sensation, zu der deswegen auch die Chefs der wichtigsten Sponsorunternehmen kamen. Weil Josef Ackermann von der Deutschen Bank zugesagt hatte, und die Hayek-Familie, der die Swatchgruppe mehrheitlich gehört, auch da war, kamen Christian Jourqin von Solvay, Charles Edelstenne von Dassault Aviation und Yves de Chaisemartin von Altran genauso nach Zürich. Eine Art CEO-Perpetuum-Mobile hat Piccard also ganz nebenbei inszeniert. Einer fehlt noch: Trotz intensiver Suche ist es Piccard und seinen Mannen bislang nicht gelungen, einen vierten Hauptsponsor aufzutreiben, der das bisherige Budget von 40 Mill. Euro weiter aufstockt. Vielleicht meldet sich heute einer, der dann bei der nächsten Inszenierung dabei sein darf.

Schauplatz gestern war der alte Zürcher Flughafen Dübendorf, den die Schweizer Luftwaffe noch immer ansteuert und von wo aus beispielsweise eine alte Tante Ju zu regelmäßigen Rundflügen aufbricht. Hier in einem Hangar hat das Solarimpulse-Team, das das Flugobjekt entwickelt, sein Basislager errichtet, in das Piccard Einblicke gewährt. Da geht es zum Beispiel darum, eine extrem gut isolierende Cockpitwand zu entwickeln, um den Piloten in 11 500 Metern Höhe ohne energieaufwändige Heizung überleben zu lassen. Oder es wird an einem Flugzeug-Design getüftelt, das den Riesenflieger auch bei Turbulenzen sicher in der Luft hält. Ist das nicht verrückt? „Das Verrückte ist nicht“, antwortet Piccard, der die Frage erwartet hat, „ein Flugzeug zu bauen, das ohne Treibstoff fliegt.“ Verrückt sei vielmehr daran zu glauben, dass „unsere Zivilisation überleben kann, wenn sie eine Million Tonnen Treibstoff pro Stunde verbraucht, was zur Zerstörung unseres Planeten beiträgt.“

Es sind solche Worte, bei denen die Augen der Firmenchefs leuchten, die sich neben dem drahtigen Piccard aufgereiht haben, der genauso wie Teamkollege Borschberg schon mal in enger Pilotenjacke mit hochgeschlagenem Kragen auftritt. Nick Hayek, Chef der Swatch-Gruppe, zu der Marken wie Omega gehören, erinnert an die Pionier-Tradition dieser Uhrenmarke, die schon beim ersten Mondflug vertreten gewesen ist. Und Ackermann gönnt sich ein bisschen von dem Glanz, den Piccard verbreitet und gibt das auch offen zu, wenn er sagt: „Es ist schön, für einige Augenblicke nicht in ein Subprime-, sondern Prime-Projekt verwickelt zu sein.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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