Windkraft
Die unerschöpfliche Ressource der Armen

Schon heute gewinnt Indien mehr Energie aus Wind als aus Uran - und rangiert beim Ausbau der Windkraft hinter Deutschland und den USA auf Rang drei. Die Leistung hat sich innerhalb von sieben Jahren versiebenfacht. Nur die marode Infrastruktur bremst den Ausbau.

PUNE. Eintönig, staubig und von einer erbarmungslos sengenden Sonne braun gebacken wellt sich das Hochplateau bis an den Horizont. Belebt wird die hitzeflirrende Ödnis in Westindien nur von schwarzen Schatten, die über den verdörrten Boden huschen. Sie werden von den blendend weißen Rotorblättern Hunderter Windkraftanlagen geworfen. Hier in Dhule, Asiens größtem Windpark, wird eine Ressource ausgebeutet, an der es auch in armen Gegenden des Subkontinents nicht mangelt: Luft.

„Bald haben wir in Dhule 1 000 Megawatt installiert“, prophezeit Tulsi Tanti, dessen Firma Suzlon den Windpark entwickelt. Das entspricht der Leistung eines Atomkraftwerks. Schon heute gewinnt Indien mehr Energie aus Wind als aus Uran, und bei der kommerziellen Nutzung dieser Stromquelle ist es Vorreiter unter den Entwicklungsländern. Von Rajasthans Wüste im Norden bis zur Küste an der Südspitze gehen jedes Jahr Hunderte neuer Windräder in Betrieb. Im vergangenen Jahr wurden Anlagen mit insgesamt 1 840 Megawatt Leistung neu installiert. Beim Ausbau der Windkraft rangiert Indien damit hinter Deutschland und den USA auf Rang drei. Innerhalb von sieben Jahren hat sich die installierte Leistung auf dem Subkontinent versiebenfacht.

„Wind wird hier zur Mainstream-Energie“, meint Jotdeep Singh, Experte für erneuerbare Energien bei der Rabobank in Delhi. Allenfalls die chronischen Mängel bei der Infrastruktur setzen dem Siegeszug der neuen Technologie Grenzen: In Tamil Nadu etwa, wo sich die meisten Windräder drehen, gibt es bereits Probleme, den erzeugten Strom zu transportieren, weil bisher die Hochspannungsleitungen fehlen.

Für Gokulnath Kamath hat der Erfolg der Windkraft vor allem ökonomische Gründe: „Wie sauber Strom ist, spielt hier eine geringere Rolle als sein Preis“, sagt der Marketingchef des deutschen Windturbinenherstellers Enercon in Indien. Zwar wird es teuer, bis ein Windrad erst mal läuft. Doch da sich die Wartungskosten langfristig kalkulieren lassen und der Rohstoff kostenlos und unerschöpflich ist, bleibt der Strompreis auf Jahrzehnte gleich. „Über 20 Jahre gerechnet, genießt Wind klare Kostenvorteile gegenüber Kohle oder Gas“, meint Kamath und fügt hinzu: „Auch unsere Politiker und Unternehmer begreifen zunehmend, dass sie gegen den Klimawandel handeln müssen.“ Das werde der Branche zusätzlich Schub verleihen.

Wind spielt auch eine Rolle bei einem Thema, das auf der nationalen Agenda ganz nach oben gerückt ist: Energiesicherheit. Fast jeder fünfte Mensch auf der Welt ist Inder, aber das Land verbraucht nur drei Prozent allen Öls. Doch bei einem Wirtschaftswachstum von zuletzt acht Prozent wächst auch der Energiehunger rasant. Experten prognostizieren, dass Indien 2012 eine Kraftwerksleistung von insgesamt 240 Gigawatt brauchen wird, etwa doppelt so viel wie heute.

Das Gros des Stromverbrauchs will der Staat zwar weiter durch Kohle decken. Aber das rohstoffarme Land kann es sich nicht leisten, dauerhaft weiter auf fossile Energieträger zu setzen, die für teures Geld importiert werden müssen. Bis zum Jahr 2012 will Indien deshalb ein Zehntel seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen decken.

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