Wirtschaftsnobelpreis 2005
Robert Aumann – Herr der Formeln

Dieses Schweigen. Dieses unglaubliche Schweigen. Wer Robert Aumann eine Frage stellt, muss damit rechnen, dass der Mann erst einmal ganz lange nichts sagt. Zehn Sekunden lang, zwanzig Sekunden, dreißig. Manchmal auch länger. So lange, dass man sich schon fast zu fragen beginnt, ob der 75-jährige mit dem langen weißen Bart nicht doch ein bisschen altersmüde ist. Ob er vielleicht schlicht die Frage vergessen hat?

HB JERUSALEM. Weit gefehlt! Robert Aumann denkt einfach nur nach. Und das in einem Ausmaß, das man in der heutigen Zeit kaum mehr gewohnt ist. Auf eine Frage antwortet Aumann erst, wenn er sich wirklich sicher ist, sie vernünftig beantworten zu können. Manchmal kann es vorkommen, dass ihn seine eigenen Gedanken nicht überzeugen. Dann sagt er nach langem Schweigen nur: „Ach wissen Sie, das weiß ich auch nicht.“ Meistens aber antwortet er schließlich, und zwar mit eindrucksvoller Präzision, Klugheit und Konzentration. Nachfragen, die vom Thema wegführen, wiegelt er ab; höflich, aber bestimmt: „Lassen Sie mich erst Ihre Frage beantworten.“

Der Ökonomie-Nobelpreisträger wohnt im Zentrum von Jerusalem – in überschaubaren Verhältnissen: einer bescheidenen Etagenwohnung in einem sandfarbenen Mehrfamilienhaus, einfach eingerichtet, ganz ohne Glanz und Glamour. „Dieses Haus“, sagt ein Nachbar, „ist neuerdings unglaublich populär.“

Im Flur gehen die Bücherregale bis unter die Decke, im Wohnzimmer ebenfalls. In manchen Ecken liegt Spielzeug, der Vater von fünf Kindern hat 19 Enkel und zwei Urenkel. „Ich koche uns erst mal einen Kaffee“, sagt der Hausherr nach der Begrüßung und verschwindet in der Küche.

Dann hört er noch kurz seinen Anrufbeantworter ab, eine seiner Töchter steht kurz vor der Entbindung. Die nächsten viereinhalb Stunden gehören dem Journalisten aus Deutschland. Viereinhalb Stunden, in denen er erzählt über seine wissenschaftliche Forschung und seine akademische Karriere, den Nutzen und die Grenzen der Mathematik, die Rationalität des Menschen, die Logik von Konflikt und Kooperation. Viereinhalb Stunden, in denen Aumann seine tiefe Religiosität erklärt und warum Mathematik für einen Ökonomen unverzichtbar ist. Viereinhalb Stunden, in denen zwanzig Mal das Telefon klingelt – und Aumann es konsequent klingeln lässt.

Irgendwann macht Aumann den Vorschlag, die Universität und das „Center for Rationality“ zu besuchen – ein interdisziplinäres Forschungszentrum, wo Spieltheoretiker mit Biologen, Philosophen, Psychologen und Wissenschaftlern zahlreicher weiterer Disziplinen forschen. Aumann fährt selbst, mit seinem enorm in die Jahre gekommenen japanischen Wagen, der über 200 000 Kilometer auf dem Tacho hat.

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