Wirtschaftsnobelpreis 2005
Spieltheorie: Konflikt und Kooperation

Die Spieltheorie ist überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Sie beschreibt, wie Konflikt und Kooperation entsteht. Sie hilft, den Einfluss von Normen in Organisationen und Regeln in Märkten zu verstehen. Sie erklärt, welche Verhaltensmuster auftreten und welche Verhaltensstrategien Erfolg versprechen.

Mit ihren Erkenntnissen erlaubt die Spieltheorie einen neuen, aufregenden Blick auf die Bestimmungsgründe ökonomischen, politischen und sozialen Handelns. Die beiden Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft des Jahres 2005 haben mit ihren Arbeiten maßgeblich dazu beigetragen.

Das Wechselspiel von Konflikt und Kooperation ist im wirtschaftlichen Handeln allgegenwärtig. Parteien, die einen Handel oder ein gemeinsames Projekt anstreben, müssen gemeinsam eine Einigung erreichen – oder sie gehen leer aus. Konfliktpotenzial entsteht, da jede Seite zugleich einen möglichst großen Anteil von dem Kuchen, der bei einer Einigung zu verteilen ist, heraushandeln möchte. In diesem Spannungsfeld sind kluge Verhandlungsstrategien gefragt. Thomas Schelling hat dabei auf einen scheinbar paradoxen Sachverhalt hingewiesen: Oftmals ist es eine gute Strategie, seine eigenen Handlungsoptionen von vorneherein einzuschränken.

Stellen Sie sich vor, die Parteien A und B können durch gemeinsames Handeln einen gemeinsamen Gewinn von 100 Mill. Euro erwirtschaften. Wie sollen sie das Geld untereinander verteilen? Eine Möglichkeit wäre: A stellt eine Forderung auf, die endgültig und nicht weiter verhandelbar ist. Dadurch beraubt er sich im Konfliktfall jeder weiteren Nachbesserungsmöglichkeit. Falls seine Selbstverpflichtung glaubwürdig ist und sie der anderen Seite einen Teil des Kuchens übrig lässt, wird B der Forderung nachgeben. Eine Ablehnung würde zum Scheitern des Projektes führen – A und B würden beide leer ausgehen. Das Ergebnis der Selbstverpflichtung? Im Extremfall kann A 99 Mill. Euro für sich fordern, B muss sich mit einer Mill. Euro begnügen.

Beispiele für Selbstverpflichtungen gibt es viele. Für die Politik kann es im eigenen Interesse sinnvoll sein, die Verantwortung für die Geldpolitik in die Hände einer unabhängigen Zentralbank zu geben. Für Unternehmen kann ein Ausbau der Kapazitäten Gewinn bringend sein, selbst wenn dadurch die Produktkosten steigen – wenn dadurch Konkurrenten abgeschreckt werden. Und für Generäle kann es strategisch sinnvoll sein, die Brücken hinter den eigenen Truppen zu zerstören.

Entscheidend für den strategischen Vorteil ist allerdings: Die Selbstverpflichtung muss glaubwürdig sein. Zweifelt B im obigen Verhandlungsbeispiel an dem Ultimatum von A, könnte er ein Gegenangebot versuchen. Die Idee, dass Drohungen und Versprechen glaubwürdig sein müssen, um strategische Relevanz zu besitzen, wurde später von Reinhard Selten formalisiert. Selten wurde für seine Arbeiten im Bereich der Spieltheorie im Jahre 1994 zusammen mit John F. Nash und John Harsanyi mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Was passiert aber, wenn sich beide Parteien auf eine nicht verhandelbare Forderung festlegen? Aus spieltheoretischer Sicht ist die Verteilung des Kuchens dann unbestimmt. Um den Konflikt zu vermeiden, müssen die Verhandlungspartner ihre Forderungen so koordinieren, dass deren Summe den Gesamtgewinn nicht übersteigt. Sind die Parteien zu gierig, kommt das Projekt nicht zu Stande.

Schelling beobachtet, dass Koordinationsprobleme dieser Art oft durch so genannte „fokale Punkte“ gelöst werden, zum Beispiel soziale Konventionen und Normen. In unserem Beispiel könnte etwa die Gleichaufteilung des Kuchens – 50 Mill. Euro für jede Partei – eine geeignete Norm sein. Halten sich die Parteien daran, kommt es zu einer Einigung. Schert einer aus und will mehr, kommt es zum Konflikt. Schellings Idee, dass fokale Punkte Konflikte vermeiden und Koordination in Organisationen und Märkten erleichtern, hat verschiedenste Wissenschaftsbereiche befruchtet. Auch die Idee, dass Sprache als Koordinationsinstrument entstanden ist, wurde von Schellings Arbeiten inspiriert.

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