Wirtschaftsnobelpreis 2005
Thomas Schelling – Meister der Intuition

Der Besucher kommt etwas zu früh an diesem kühlen Morgen in Bethesda, einem wohlhabenden Vorort der Hauptstadt Washington. Der Mann, der die weiße Eingangstür des gepflegten Holzhauses öffnet, ist Besucher gewohnt. Seit die schwedische Akademie der Wissenschaften Thomas Schelling vor zwei Monaten zum Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft des Jahres 2005 erkoren hat, wird er mit Interviewanfragen überschüttet. Der 84-Jährige hat damit aber kein Problem.

HB BETHESDA. Freundlich bittet er den Gast ins helle Wohnzimmer, setzt sich in einen Sessel und erzählt von seinen Reiseplänen. „Bevor ich nach Stockholm zur Preisverleihung fahre, muss ich in Dubai noch eine Rede halten“, berichtet er. In der schwedischen Hauptstadt erwartet ihn dann ein volles Programm. „Ich soll in sechs Tagen mehrere Universitäten besuchen.“ 19 Familienmitglieder werden mit Schelling zur Preisverleihung reisen.

Der schmale Mann mit den kurzen Haaren lehnt sich zurück. Die Vorfreude auf die höchste Auszeichnung in der ökonomischen Wissenschaft ist ihm anzumerken.

Das Thema für seine Dankesrede hat Schelling bereits im Kopf: „Ich werde darüber sprechen, warum die Welt in den 60 Jahren nach Hiroschima und Nagasaki keine Atomwaffen mehr verwendet hat.“ Es sei wichtig, diese Gründe dafür zu verstehen, damit die Menschheit auch in Zukunft keine Nuklearwaffen einsetzt.

Obwohl er seine Stimme nicht erhebt, spürt man doch die starke Überzeugung in seinen Worten. Nein, hier redet kein leidenschaftlicher Pazifist, sondern ein politischer Ökonom, der sich sein Leben lang mit der Theorie der Abschreckung beschäftigt hat. Schelling und sein Co-Preisträger Aumann seien vermutlich die einzigen Ökonomen, die beanspruchen könnten, die Menschheit gerettet zu haben, urteilte die Zeitung „International Herald Tribune".

„Spieltheorie“ sei wirklich ein „lustiger“ Name für sein Fach, räumt der langjährige Harvard-Professor ein. Gefragt, wie er sein Thema in einfachen Worten beschreiben würde, antwortet Schelling: „Es geht darum, wie Menschen Entscheidungen treffen, wenn ihre beste Wahl davon abhängt, wie andere Menschen sich entscheiden.“ Derartig vertrackte Situationen gab es nicht nur bei den Abrüstungsverhandlungen während des Kalten Krieges. „Ich habe die ersten Feldversuche bei der Erziehung meiner vier Kinder gemacht“, erzählt der Wissenschaftler. Auch hier ginge es schließlich um Drohungen, Belohnungen und Strafen.

„Schelling denkt über Fragen nach, auf die andere gar nicht kommen“, sagt A. Michael Spence, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2001. Den Anstoß für das Nachdenken über diese Fragen bekam der Ökonom, als er nach dem Zweiten Weltkrieg für den Marshall-Plan zunächst in Kopenhagen und Paris und später dann im Weißen Haus unter Präsident Harry Truman arbeitete. „Die Verhandlungen mit den europäischen Ländern weckten mein Interesse.“ Hinzu kam ein Schlüsselerlebnis, das er im Jahr 1940 auf einer Reise mit zwei Freunden quer durch Amerika hatte. „Einer von uns ging in einer Stadt verloren, und wir fanden ihn nur mit Mühe wieder“, berichtet Schelling. Um eine derartige Panne künftig zu vermeiden, überlegten alle drei Freunde unabhängig voneinander, wo sie sich wieder treffen könnten. Das verblüffende Ergebnis: „Jeder von uns kam zu dem Schluss, dass wir uns am besten am Schalter der Hauptpost treffen sollten.“ Alle drei hatten versucht, bei ihrer Wahl die Überlegungen der anderen mit zu berücksichtigen.

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