Wirtschaftswachstum
Die Prediger des Verzichts

Für Politik, Wirtschaft und Ökonomen erscheint Wirtschaftswachstum als Lösung aller Probleme, aber für eine zunehmende Zahl von Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist es selbst das größte Problem. Warum sich unter Forschern aller Disziplinen die Warnungen vor ungebremstem Wirtschaftswachstum mehren.
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DÜSSELDORF. Die größte vorstellbare Katastrophe für die neue Bundesregierung wäre sicherlich, dass ihre "Wette auf Wachstum" nicht aufgeht. 37 Jahre nach dem Bericht des Club of Rome über "Die Grenzen des Wachstums" hat sich dessen Botschaft fest etabliert, nicht nur unter Ökoaußenseitern, sondern auch bei den Koryphäen des Wissenschaftsbetriebes.

An der Spitze der wissenschaftlichen Wachstumsskepsis marschieren in Deutschland Claus Leggewie und Harald Welzer vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen mit ihrem aktuellen Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten". Ihre These: Wenn wir angesichts des drohenden Klimawandels, der Wirtschaftskrise und schwindender Rohstoffreserven weiter unser Heil in Wirtschaftswachstum suchen, wird das nicht nur zu Naturkatastrophen, sondern auch zu extremen gesellschaftlichen Verwerfungen führen, die die Demokratie gefährden.

Ketzerische Botschaft

Leggewie und Welzer plädieren für eine Erneuerung von unten, für "andere Formen des Wirtschaftens und Lebens" ohne den "Fetisch Wachstum". Sie sprechen von einer "Wachstumsreligion", einer "Wirtschaftsform im Stadium der Anbetung", die es zu entweihen gelte. Mit dieser ketzerischen Botschaft treten die Autoren auch bei offiziellen Veranstaltungen des Goethe-Institus auf.

Der Verzicht auf Wachstum, so Welzer und Leggewie, könnte weniger schwerfallen als Standardökonomen meinen. "Wenn man den Verzichtsbegriff entideologisiert und mit Referenzpunkten jenseits des schieren Status Quo versieht, entsteht Raum für die Suche nach Veränderungspotentialen." Mobilität etwa sei weithin nichts anderes als ein Zwang, eine Konditionierung durch Lebensumstände, die wir als normal erachten. "Weltweit ist eine Demobilisierung erforderlich und auch möglich." Man könne zum Beispiel "einen erheblichen Teil der Privat- und Geschäftsreisen ersatzlos streichen und feststellen, dass es einem plötzlich besser geht."

Eine Tagung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen ("The Great Transformation") brachte kürzlich prominente Wachstumskritiker zusammen. Der Klimawandel, so die einhellige Überzeugung, sei nur zu bewältigen, wenn die Wirtschaft aufhöre zu wachsen. Der Politologe Thomas Homer-Dixon von der Universität Waterloo in Kanada beklagte die unter Ökonomen verbreitete "Illusion", dass durch Innovationen die Umweltverschmutzung und der Rohstoffverbrauch abnehmen werde, wenn die Wirtschaft weiter wachse. Tatsächlich seien aber die zerstörerischen Folgen der Expansion allenfalls weniger sichtbar geworden durch "end-of-pipe"-Investitionen, die im Nachhinein die augenfälligsten Schäden abmildern oder in eine ferne Zukunft auslagern. Bei einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von drei Prozent in den Industrieländern habe die Effizienzsteigerung in den letzten Jahren nur etwa zwei Prozent betragen. Angesichts des Klimawandels und der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen sei daher nicht weniger als eine "Erneuerung der globalen Zivilisation" nötig und dazu gehöre eine künftige "steady-state economy", eine stabile Weltwirtschaft ohne Wachstum.

Die Argumente für aktuelle Wachstumskritiker liefern vor allem Naturwissenschaftler wie Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam für Klimafolgenforschung. -Institut Gemeinsam mit Kollegen hat er vor wenigen Tagen in der Zeitschrift "Nature" ein Memorandum über die "Planetary Boundaries" veröffentlicht. "Immer mehr Güter produzieren und konsumieren, das ist auf Dauer nicht möglich auf einem begrenzten Planeten", verkündet Schellnhuber, der auch Klimaberater der Kanzlerin ist, die bekanntlich "ganz auf Wachstum" setzt. Er wünscht sich eine "völlige Neuerfindung des wirtschaftlichen Kreislaufs" und plädiert für ein neues Maß des Erfolges: die Zufriedenheit der Menschen.

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  • Ein Denkwandel ist notwendig, ganz richtig. Doch befürchte ich, dass es keinen Wandel geben wird, bevor es richtig den bach runter geht.

    Die (industrie)Staatengemeinschaft hat sich seit dem Ende der Kolonialisierung das Dahinsiechen in Entwicklungsländern einfach mit angesehen oder sogar aktiv an deren weiteren Ausbeutung teilgehabt. Sie hat sich mit angesehen, wie 90% der Regenwälder zerstört worden, die für so viele Tiere und auch Menschen Lebensraum waren. Sie treibt damit die Verwüstung und Unfruchtbarkeit unserer Erde voran. Aber das reicht der Staatengemeinschaft nicht. Monokulturen, Überbewirtschaftung von Agrarflächen, unvorhersehbare Auswirkungen durch Gentechnik werden gefördert. Notwendig wird das ganze, weil der Kapitalismus dem Volk nur Schmackhaft gemacht werden kann, indem ihm Wohlstand vorgegaukelt wird. Daraus resultiert die Notwendigkeit zu wachsen. Und Authoritäts- und Fortschrittsgläubig wie das gemeine Volk ist, frisst es, was ihm zugeworfen wird, nicht ahnend, dass das dicke Ende noch kommt(Für die FDP-Wähler: Das dicke Ende ist nicht die "Finanzkrise" ROFL).

    Wachstum ist Naturprinzip. Der Mensch verdrängt als Stärkster die Natur. Dieser Vorgang ist nahezu abgeschlossen. Was folgt kann bei weiterem Wachstum nur noch die Verdrängung von artgleichen Konkurrenten sein. Dieser Vorgang hat bereits begonnen. Wir spühren es durch Mobbing am Arbeitsplatz, durch Suchen von Sündenböcken für die Krise(Rentner, HArtz4, Ausländer, bonzen...), durch Schonungslose Ausbeutung des eigenen Körpers(zb Doping am Arbeitsplatz). Am besten zeigt sich dieser Vorgang in der Ungleichverteilung von Reichtum. Schwachsinnige bauen Kunstinseln in Dubai, weil sie nicht wissen wo sie sonst mit ihren Super-Yachten rumschiffen sollen, während Afrikaner und zunehmend auch Menschen in industriestaaten hungern müssen. Aber es interessiert die Medien, die Politiker und schließlich die Menschen hier einfach nicht. Sie sind zu sehr damit beschäftigt einen Ausweg aus der Misere für sich zu finden. Aber den gibt es nicht für 98% der bevölkerung.

    Der Kommunismus funktioniert nicht heisst es immer. Der Kommunismus ist laut Marx und Engels der Versuch der befreiung der Proletarier, durch Vergemeinschaftlichung von Eigentum. Dieses System, das nur partiell exerziert wurde, muss immer durch die Konkurrenz zu einem Skrupellosen System wie dem Kapitalismus, der allen schnell Wohlstand bringt, zu Grunde gehen.

    Dieser Planet könnte sehr lebenswert sein, doch der Mensch hat es verpatzt.

  • Evolutionäres Wachstum (= Akzeleration) von Systemen vollzieht sich in zwei Phasen: der input-maximierenden Expansions-Phase und der effizienz-maximierenden Konsolidierungs-Phase. Jeder kennt die S-Kurve evolutionären Wachstums. Am Ende der Phase 1 werden Ressourcen gegen immer stärker werdende Akzelerationswiderstände schließlich verschwendet. in vermachteten Systemen kommt es immer zu einem Wachstumszwang-Regime. Wenn dieses Erfolgssystem nicht - freiwillig - auf die 2. Phase umsteuern kann, d.h. wenn das etablierte Wachstumszwang- und Ressourcenverschwendungs-Regime nicht gestürzt werden kann, dann ist der Systemabsturzkrise nur eine Frage der Zeit. in dieser Systemkrisenlage befindet sich der frühentwickelte Teil des Weltindustriesystems. in Deutschland herrscht ein 2%-Wachstumszwang-Regime, das die Kapitalstockmaximierer trickreich und fast geheim aufgebaut haben. Zugleich ist das Steuerungssystem mit seinen -instrumenten für 'nachhaltiges Wirtschaften' in projektfähiger Form erkannt. Desgleichen auch ist das macht- und steuerungspolitische Umsteuerungs-Knowhow für den Exodus und den Übergang in die Effizienz- und Konsolidierungsphase erkannt - und Angela Merkel bekannt. Sie versucht, die Weltgemeinschaft via CHARTA-für-nachhaltiges-Wirtschaften mit einem 'Öko-KREATiVEN ORDOliberalismus' zu beglücken und die Umsteuerung global zu organisieren. Es wird ihr gelingen.

    Wer nach dem Knowhow sucht, wird bei den KREATiVEN fündig. Alle Unternehmensspitzen sollten auf der Grundlage dieses Epochenwechsel-Knowhows neu ansetzen. Ein Weiter-So imn Ancien Régime gibt es nicht. Erich Honecker sollte nicht nachgeahmt werden.

  • Eine weitere bemerkung: Gerade für die paradigmatisch vorherrschende "Gleichgewichtsökonomie", die Neoklassik, ist wirtschaftliches Wachstum ein Fremdkörper. Von ihr kann man deshalb sicher nicht erwarten, dass sie in der Lage sein wird, ein Modell einer nicht wachsenden Ökonomie zu entwerfen. "Ökonomie" in einem transhistorischen Sinne bedeutet Stoffwechsel mit der Natur. Dass dieser Stoffwechsel vermittelt über das symbolische Medium des Geldes vermittelt wird, ist etwas universalgeschichtlich völlig neues und die Frage darf deshalb auch gestellt werden, ob und wie eine direkte kommunikative Steuerung möglich ist - die elektronische Kommunikation schafft dafür die Voraussetzungen. Die entscheidende Frage ist deshalb, wie dieser Stoffwechsel so gestaltet werden kann, dass er innerhalb der biophysischen Grenzen bleibt und gleichzeitig alle Menschen an ihm teilhaben können. Nicht jedoch, wie gleichzeitig die Marktwirtschaft gerettet werden kann.

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