Wissenschaft
Das Plagiat-Problem ist noch lange nicht gebannt

Erst Karl-Theodor zu Guttenberg – nun Silvana Koch-Mehrin: Die Wissenschaftler gehen in die Offensive und prangern das Abschreiben an. Doch sich selbst nehmen sie aus.
  • 2

Wer zählt eigentlich noch mit? Ex-Politstar Karl-Theodor zu Guttenberg, Veronica Saß – den meisten als Tochter Edmund Stoibers bekannt – und FDP-Vorzeigefrau Silvana Koch-Mehrin sind nur die prominentesten Verdächtigen. Der eine ist überführt, auf die Dissertationen der beiden anderen haben sich Plagiatsjäger im Internet seit kurzem eingeschossen. Auch ihnen wollen sie nachweisen, was bei CSU-Politiker Guttenberg gelang: dass sie sich in ihren Doktorarbeiten bei anderen Autoren bedient, das aber nicht belegt haben.

Nun endlich scheint auch in der Wissenschaft angekommen zu sein, dass Guttenberg kein bedauerlicher Einzelfall war, kein überforderter Einzelkämpfer. Blieb die Ständevertretung deutscher Universitätsprofessoren, der Hochschulverband, in der Guttenberg-Diskussion noch farb- und sprachlos, hat auch sie sich endlich öffentlich mit den Plagiaten befasst. Den gestrigen Tag könnte man fast schon als Offensive bezeichnen. Drei Mal nahm der Verband rund um das Abkupfern in der Wissenschaft Stellung. Problem also endlich erkannt? Mitnichten. Wer zwischen den Zeilen liest, erkennt: Noch immer nimmt sich die Professorenvertretung der Plagiatoren in den eigenen Reihen nicht ernsthaft an.

Wie sonst ließe sich die Mitteilung lesen, in welcher der Hochschulverband den Abschreibern den Kampf ansagt – und in der es vor allem um die Kontrolle von „ Studierenden, Doktoranden und Habilitanden“ geht? Ganz explizit ist da von „Seminar- und Abschlussarbeiten“ die Rede. Wo bleiben plagiierende Professoren, die dreist von Kollegen abschreiben? Dass es sie gibt, darauf haben Wissenschaftler wie der Münchener Jurist Volker Rieble immer wieder hingewiesen. Und Ross und Reiter genannt. Der Hochschulverband aber fordert die Wissenschaftler in der Stellungnahme nur auf, stärker auf Plagiate zu achten.

Und die „Unkultur des Wegsehens“ zu beenden. Gibt sich der Verband bei abschreibenden Studenten kämpferisch, stellt diese fast schon unter Generalverdacht und wettert gegen Internetseiten, die Abschlussarbeiten veröffentlichen, wird er zurückhaltend in puncto Fehlverhalten seiner Mitglieder. In einer weiteren Mitteilung mahnt man einen „verantwortungsvollen Umgang mit dem Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ an, schließlich stehe doch der Ruf des Forschers und seiner Universität auf dem Spiel. Um dann hinterherzuschieben, dass einem Verdacht natürlich nachgegangen werden muss, es keine falsch verstandene Kollegialität geben dürfe. Glaubwürdig ist das nicht.

Die Wissenschaftler gehen in die Offensive und prangern das Abschreiben an. Doch sich selbst nehmen sie aus.

Kommentare zu " Wissenschaft: Das Plagiat-Problem ist noch lange nicht gebannt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Stimmt! Ich schätze einfach, daß von 3 Doktortiteln gut und gerne 2 gestrichen werden könnten, und zwar nicht nur wegen der darin enthaltenen Plagiate, sondern auch wegen der Belanglosigkeit der Arbeit. Z.B. würde ich Merkel auf Laborantin zurückstufen. Da sie nicht löten kann, ist das schon ein Gnadenakt.

  • Ich weiß ja nicht, wie viel Tausend Doktorarbeiten und Professuren es gibt - aber das Rad kann nur endlich oft neu erfunden werden.
    Wenn die Arbeiten irgendwann nur noch aus Zitaten bestehen (können) - vielleicht sollte man dann mal das gesamte System überdenken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%