Wissenschaft
Die unsichtbare Hand der Gedanken

Berliner Forscher entwickeln eine Schnittstelle zwischen Hirn und Computer. Ihr Ziel: Geräte bedienen - allein mit der Kraft der Gedanken. An praktischen Anwendungen dürfte es nicht mangeln. Über die Chancen einer revolutionären Technik.
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BERLIN. Die Zauberer und Hexen der "Addams Family" hätten ihr Vergnügen an diesen Versuchen. Der nach ihnen benannte Flipper hier am Fachbereich für Maschinelles Lernen der TU Berlin wird wie von Geisterhand bedient. Zauberei steckt natürlich nicht dahinter, aber etwas Ähnliches: die Kraft des Gehirns.

Die wird von 64 Elektroden erfasst, die man sich bequem wie eine Badekappe auf den Kopf setzt. Sie ist das Kernstück des sogenannten Berlin Brain Computer Interface (BBCI) - einer Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer. Forscher der TU Berlin, des Fraunhofer-Instituts First und der Charité nutzen die elektrische Hirnaktivität, die durch das Elektroenzephalogramm (EEG) beschrieben wird, indem die an der Kopfhaut angebrachten Elektroden die Hirnströme messen, die beim Denken entstehen.

"Diese so erfassten Vorstellungen einer Bewegung werden verstärkt und an einen Computer zur blitzschnellen Auswertung übermittelt, der die Gehirnsignale in technische Steuerungsimpulse umwandelt", erklärt der neurologische Forschungsgruppenleiter Gabriel Curio von der Charité. Neurologen wissen: Nicht nur tatsächliche Bewegungen erzeugen charakteristische Hirnmuster im motorischen Kortex, jenem Areal also, das unsere Bewegungen steuert, sondern bereits der Gedanke daran. Daher reagiert der Flipper in Millisekunden auf Gedanken des Nutzers.

"Einzigartig an unserer Schnittstelle ist, dass sie in Echtzeit funktioniert. Wir haben das schnellste System weltweit", betont Klaus-Robert Müller, ebenfalls Forschungsgruppenleiter vom Fachbereich für Maschinelles Lernen der TU. Und wie könnte man dies besser untermauern als mit einem reaktionsschnellen Flipperspiel, bei dem es auf exaktes Timing ankommt?

An Hirn-Computer-Schnittstellen arbeiten laut Müller rund 200 Teams in aller Welt, vor allem in den USA und Europa. An praktischen Anwendungen dürfte es nicht lange mangeln.

Natürlich haben die Berliner Forscher mit ihren vorklinischen Experimenten keinen launigen Zeitvertreib im Sinn: "Für Patienten mit Muskelschwund oder Querschnittlähmung ist das eine echte Lebenserleichterung, wenn sie damit künftig Computer, Prothesen oder Rollstühle steuern können", unterstreicht Müller. Nicht unwesentlich ist, dass jeder ohne langes Training mit dem BBCI seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. "Auf diese Weise können Geräte gesteuert werden, die an einen Computer angeschlossen sind. Selbst über das Internet ist solch eine Kommunikation machbar", entwirft der Forscher eine Perspektive für den direkten Mensch-Maschine-Dialog.

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