Wissenschaft
Ehemalige Gentechnik-Kritikerin baut „Gen-Kartoffeln“ an

Es ist ein erstaunlicher Weg, den die Biologin Inge Broer im Laufe ihres Wissenschaftler-Lebens genommen hat.

dpa ROSTOCK. Es ist ein erstaunlicher Weg, den die Biologin Inge Broer im Laufe ihres Wissenschaftler-Lebens genommen hat.

Nicht der Weg von Bielefeld nach Rostock, den sie zusammen mit ihrem Mann vor 13 Jahren gegangen ist. Sondern der von einer Kritikerin der Pflanzen-Gentechnik hin zur Professorin an der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock. Dort leitet sie derzeit den bundesweit ersten Anbau von genetisch veränderten Kartoffeln, die einen Impfstoff produzieren sollen.

Prinzipiell möchte sie Zucht und biologische Sicherheit von Gentechnik-Pflanzen untersuchen, um zu einer umweltfreundlicheren Landwirtschaft beizutragen. „Heute kann ich mir vorstellen, dass diese Pflanzen dazu einen wertvollen Beitrag leisten können, wenn die biologische Sicherheit der neuen Eigenschaften ausreichend analysiert ist.“

1989 untersuchte Broer mögliche Risiken, die von Tabakpflanzen mit einem neuen Gen zur Resistenz gegen ein Pflanzenschutzmittel ausgehen könnten. Die Ergebnisse waren auch für sie überraschend: Keines der Risiken erwies sich als zutreffend. „Es gibt also keinen Anlass anzunehmen, dass von diesen genetisch veränderten Pflanzen eine Gefahr für das Ökosystem ausgeht. Doch das war nicht das, was Grüne hören wollten“, berichtet Broer. Und so wurde sie zu einem roten Tuch für die Gegner der grünen Gentechnik - eine persönliche Enttäuschung für die Wissenschaftlerin.

Auch Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des Bund, gehört zu denen, die bei ihrer Kritik an der grünen Gentechnik bleiben. „Die Technik ist weit entfernt davon, risikofrei zu sein“, betont sie. Die Landwirtschaft brauche diese Pflanzen nicht. „Mecklenburg- Vorpommern steht für saubere, natürliche und unbelastete Nahrung - grüne Gentechnik zerstört diesen Ruf.“ Es sei auch nachgewiesen, dass auf Gentechnikfeldern genauso viel Dünger und Gifte ausgebracht werden müssen wie beim konventionellen Landbau.

Broer hat im Laufe der Jahre gelernt, dass es schwierig ist, die Komplexität ihrer Tätigkeit darzustellen. Trotz der massiven, nach ihrem Empfinden oft ungerechten Angriffe lässt sie sich nicht entmutigen. Eine Fähigkeit, die Jens Katzek vom Technologieverbund „Biomitteldeutschland“ in Halle (Sachsen-Anhalt) bewundert. „Sie kann machen, was sie will, sie kriegt immer eins drauf“, sagt er. Katzek zählt zu den besten Kennern der deutschen Pflanzen-Gentechnik.

Mit Spannung verfolgt er den Kartoffelversuch Broers in Groß Lüsewitz bei Rostock, dem Sitz von Finab, einem von ihr mitbegründeten Verein zur „innovativen und nachhaltigen Landwirtschaft“. Nicht nur ein Verein für die Erforschung von gentechnisch veränderten Pflanzen, „wir forschen auch für den biologischen Landbau - aber dafür gibt es leider kein Geld.“

In Groß Lüsewitz werden Kartoffeln zur Impfstoff-Produktion angepflanzt. Dabei sollen die Pflanzen einer Züchtung den Impfstoff zur Bekämpfung einer Kaninchenkrankheit liefern, die einer anderen ein ungefährliches Protein des Cholera-Erregers. Der Einsatz des Cholera-Proteins CTB sei nötig, um die Impfung überhaupt erst zu ermöglichen. Es ist als Hilfsmittel zur Immunisierung seit langem bekannt und wird weltweit in kommerziellen Impfstoffen genutzt.

Broer sieht noch weitere Vorteile der Gentechnik: So könnte bei Pflanzen die Toleranz gegen Trockenheit verbessert werden. Bei der bevorstehenden Energiekrise könnten mit „Gen-Pflanzen“ höhere Erträge erzielt werden, damit diese Energieform rentabler und die Kohlendioxid-Belastung der Atmosphäre geringer werde. „Und wenn wir es schaffen, eine Resistenz gegen die Kartoffelfäule zu kreieren, werden selbst Biobauern schwach“, ist sie sich sicher. Denn die heutige Behandlung mit Kupfer sei hoch belastend für die Umwelt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%