Wissenschaft
Gesichtsrekonstruktion: Neandertaler mit Pausbacken

Säße er mit Aktentasche und Anzug in der Straßenbahn, niemand würde den Neandertaler auf Anhieb als Urmenschen erkennen. Diese These der Wissenschaft bestätigt auch die aktuelle Forschungsarbeit eines deutsch-schweizer Forscherteams.

dpa BONN/ZüRICH. Säße er mit Aktentasche und Anzug in der Straßenbahn, niemand würde den Neandertaler auf Anhieb als Urmenschen erkennen. Diese These der Wissenschaft bestätigt auch die aktuelle Forschungsarbeit eines deutsch-schweizer Forscherteams. Nur der genaue Beobachter des Neandertalers könnte große Pausbacken, einen flacheren Schädel und ein fliehendes Kinn erkennen.

Die Wissenschaftler rekonstruieren derzeit den Schädel des vor 150 Jahren östlich Düsseldorf gefundenen „Namenspatrons“ aller Neandertaler mit den modernsten Computermethoden. Von hochauflösenden Computertomographen werden die Knochenfragmente gescannt und so virtuell leicht handhabbar. Sie können durch Daten ähnlicher Funde ergänzt und auch spiegelbildlich angepasst werden.

Am Ende stehe idealtypisch das individuelle Gesicht genau des Urmenschen, dessen Zufallsfund im Neandertal seit 1 856 das Wissen um die Ursprünge der Menschheit revolutioniert habe, erläuterte am Donnerstag in Bonn Ralf Schmitz, Urgeschichtler der Universität Tübingen und des Bonner Landesmuseums. Bisher rekonstruierte Neandertaler-Gesichter gaben eher einen „Durchschnittstypen“ wieder.

Am Anfang stand das Forscherglück des von Schmitz geleiteten Ausgräberteams, das vor sechs Jahren überraschend und spektakulär im Neandertal weitere Bruchstücke des „historischen“ Schädels vom Hinterkopf, das Jochbein unterhalb der linken Augenhöhle sowie die Kinnspitze gefunden hatte. „Eine Ironie der Geschichte, denn eigentlich hatte der Neandertaler kein ausgeprägtes Kinn“, meinte Prof. Christoph Zollikofer. Er setzte an der Universität Zürich die frischen Fragmente virtuell an das seit 1 856 vorhandene Schädeldach, spiegelte fehlende Teile per Computermaus auf die je andere Kopfhälfte und komplettierte dank der Datensätze eines verblüffend ähnlichen Neandertaler-Fundes aus Zentralfrankreich ganze Partien des nicht mehr vorhandenen „deutschen“ Knochengesichtes.

Die CT-Röntgendaten ermöglichten jetzt, per Laserimpuls flüssigen Kunststoff so zu verhärten, dass ein exaktes plastisches Schädelmodell entstand, im dem sogar - anders als bei konventionellen Abgüssen - die inneren Strukturen des Schädels sichtbar sind. Die elektronische Datenübertragung der Gesichts-Weichteile eines modernen Schweizers auf den Knochenkopf aus Computer-Bites ist aber bisher wohl eher für die Forscher aufregend: Die Züge bleiben für den Laien vorerst noch verschwommener als nach einer heftig durchzechten Nacht.

Gleichwohl liefert der Neandertaler aus dem Computer den Fernseh- Maskenbildnern des ZDF wichtige Anhaltspunkte, wie ein Schauspieler für die Dokumentarsendung (16. Juli 2006, 19.30 Uhr) zum 150. Jahrestag der Entdeckung des Jubilars aus der Urzeit herzurichten sei. Bei der heiklen Frage nach der Hautfarbe des Neandertalers, dessen Ahnen einst aus Afrika kamen, hat sich der Sender dem Vernehmen nach zu einem europäischen Sonnenbank-Braun entschlossen.

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