Wissenschaft
Historiker müssen antike Kalender wohl neu sortieren

Die Ägäisinsel Santorin beflügelt schon seit mehr als 150 Jahren die Neugier und Fantasie der Forscher. Denn das zu den Kykladen zählende Eiland war in der Bronzezeit Schauplatz einer der größten Vulkanausbrüche in der Menschheitsgeschichte.

dpa STUTTGART/HEIDELBERG. Die Ägäisinsel Santorin beflügelt schon seit mehr als 150 Jahren die Neugier und Fantasie der Forscher. Denn das zu den Kykladen zählende Eiland war in der Bronzezeit Schauplatz einer der größten Vulkanausbrüche in der Menschheitsgeschichte.

Die antike Naturkatastrophe ist für Archäologen und Historiker seit jeher ein wichtiger zeitlicher Fixpunkt, um antike Funde zeitlich einzuordnen. Nun müssen die bisherigen antiken Kalender möglicherweise um 100 Jahre korrigiert werden. Denn Untersuchungen eines auf Santorin bei der antiken Siedlung Akrotiri gefundenen etwa 3 500 Jahre alten Astes ermöglichen es, den Vulkanausbruch wesentlich genauer zu datieren als bisher.

Forscher der beiden Universitäten Heidelberg und Hohenheim bei Stuttgart sowie im dänischen Arhus haben das Alter des Ölbaumastes auf den Zeitraum 1 627 bis 1 600 vor Christus bestimmt. Damit wäre der Vulkan etwa 100 Jahre früher ausgebrochen als in der bisherigen archäologischen Zeitrechnung angenommen. Der Ast war in vulkanische Asche eingeschlossen und wies insgesamt 72 Jahresringe auf. Sie wurden von den Wissenschaftlern mit Hilfe eines Computer-Tomographen sichtbar gemacht. In Verbindung mit der so genannten Radiokarbon-Methode war dann eine sehr genaue Datierung möglich.

Bei der Eruption waren nicht nur riesige Mengen Lava und Staub herausgeschleudert und die Insel mit ihrem antiken Namen Thera in einzelne Teil zerrissen worden. Der Ausbruch löste auch eine bis zu 70 Meter hohe Flutwelle aus.

Der antike Tsunami dürfte an den Küsten rund um das Mittelmeer eine verheerende Wirkung entfaltet haben. Er wird von den meisten Forschern als Grund für den Untergang der minoischen Hochkultur auf Kreta angesehen. Die Flotte, auf die das Reich der Minoer seine damalige Vormachtstellung im Mittelmeer stützte, wurde wohl von der Flutwelle mit einem Schlag zerstört.

Manche Forscher halten Santorin für das im Meer versunkene sagenhafte Atlantis, von dem der griechische Philosoph Plato erstmals berichtete. Aber auch andere Ereignisse, die sich in den Mythen zahlreicher Kulturkreise finden, werden mit dem Vulkanausbruch in Verbindung gebracht. Die Sintflut, von der nicht nur die Bibel, sondern auch das Gilgamesch-Epos um einen sagenumwobenen Herrscher im südlichen Mesopotamien berichtet, könnte damit vielleicht erklärt werden.

Auch in einer anderen biblischen Erzählung sehen Wissenschaftler mögliche Anknüpfungspunkte. Demnach wurde das Heer des Pharao mitsamt seinen Streitwagen im Roten Meer von einer Flut verschlungen, als die Soldaten Moses und das Volk Israel auf der Flucht aus Ägypten verfolgten. Zuvor soll sich das Wasser zurückgezogen und den Israeliten die Durchquerung des Meeres ermöglicht haben.

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