Wissenschaft
Homosexualität unter Tieren weit verbreitet

Vertreter fast aller Tierarten fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen – allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Das haben amerikanische Forscher herausgefunden. Die Wissenschaftler sehen in der gleichgeschlechtlichen Liebe sogar einen Antriebsfaktor der Evolution.
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DÜSSELDORF. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften unter Tieren sind viel weiter verbreitet als allgemein angenommen und können eine treibende Kraft der Evolution sein. Zu diesem Schluss kommen amerikanische Forscher in einem Übersichtsartikel, der diese Woche in der Zeitschrift "Trends in Ecology & Evolution" erschienen ist.

Die Wissenschaftler von der Universität von Kalifornien in Riverside hatten vorhandene Studien zu homosexuellen Tieren ausgewertet. "Es ist eindeutig, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten weit über die bekannten Beispiele aus der wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Literatur hinausgeht", sagt Nathan Bailey, der Hauptautor des Artikels.

Tatsächlich ist das Verhalten bei mindestens 1500 Tierarten beobachtet worden. Homosexualität unter Tieren hat allerdings nicht immer die gleichen Gründe, glauben Bailey und seine Kollegin Marlene Zuk. "Männliche Fruchtfliegen zum Beispiel umwerben andere Männchen, wenn ihnen ein Gen fehlt, das es ihnen erlaubt, zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden", so Bailey. "Das ist jedoch etwas ganz anderes als etwa bei männlichen Delfinen, die mit gleichgeschlechtlichen Sexualpraktiken die Bindungen innerhalb der Gruppe verstärken, oder bei weiblichen Laysan-Albatrossen, die miteinander eine lebenslange Partnerschaft eingehen können und gemeinsam ihre Jungen aufziehen."

Die meisten Studien, berichten die Forscher, hätten sich auf den Versuch beschränkt, die Entstehung des gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens zu verstehen. Dabei sei das Verhalten selbst ein nicht zu unterschätzender Antriebsfaktor der Evolution, finden Bailey und Zuk. Sie verweisen darauf, dass etwa weibliche Laysan-Albatros-Paare ihre Jungen erfolgreicher aufziehen als ungepaarte Weibchen.

"Wenn wir über selektive Kräfte nachdenken, dann kommen uns Dinge wie Wetter, Temperatur oder geografische Gegebenheiten in den Sinn", meint Bailey. "Aber man kann die sozialen Bedingungen in einer Population ebenfalls als selektive Kraft betrachten." Gleichgeschlechtliches Verhalten verändere diese sozialen Bedingungen radikal, so der Forscher.

Die große Frage, warum das Verhalten quer durch das Tierreich erhalten bleibt - obwohl homosexuelle Paare keinen Nachwuchs zeugen können - und welche Rolle die Gene spielen, bleibt jedoch nach wie vor unbeantwortet.

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