Wissenschaft: Kriminologin: Jugend lernt Werte anders als frühere Generationen

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Kriminologin: Jugend lernt Werte anders als frühere Generationen

Die Moralvorstellungen Jugendlicher entstehen nach Beobachtungen der Tübinger Psychologin Kerstin Reich heute anders als bei früheren Generationen.

dpa TüBINGEN. Die Moralvorstellungen Jugendlicher entstehen nach Beobachtungen der Tübinger Psychologin Kerstin Reich heute anders als bei früheren Generationen.

„Kinder nehmen Werte als verhandelbar wahr, daher sehen viele von ihnen Normverstöße auch als weniger problematisch an“, sagte Reich, deren kriminologisches Team an der Universität Tübingen über das Kriminalitätsverständnis Jugendlicher forscht, in einem dpa-Gespräch.

Kinder ahmten dabei das Verhalten ihrer Eltern nach. „Die Sehnsucht nach den alten Werten ist allerseits groß, aber für sich selbst machen auch Erwachsene gerne Ausnahmen“, sagte Reich. „Wenn ein Vater gerne Verkehrsregeln bricht, darf er sich daher nicht wundern, wenn der Sohn ohne schlechtes Gewissen Raubkopien aus dem Netz zieht.“

Anders als bei früheren Generationen lernen Jugendliche Moral heute weniger als Sammlung autoritär durchgesetzter Ge- und Verbote kennen. „Prinzipien wie Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit spielen eine viel größere Rolle“, sagte Reich. „Heutige Jugendliche suchen auch stärker nach differenzierten Antworten zu den Ursachen einer kriminellen Handlung - denken über die persönliche und soziale Situation eines Täters nach.“ Das erfordere ein größeres Urteilsvermögen als die klassische Moralvorstellung, führe aber gleichzeitig zu weniger eindeutigen Antworten.

In den Grauzonen des noch Erlaubten oder schon Verbotenen fällt es Jugendlichen heute oftmals schwer, sich richtig zu orientieren. „Gerade bei kleineren Normverstößen wie Kaufhausdiebstählen oder Graffiti-Schmierereien siegt im inneren Dialog oft der Wille nach sofortigem Genuss über das Bedürfnis, sich richtig zu verhalten“, sagte Reich.

Für das Erlernen der gesellschaftlichen Normen sind nach Reichs Ansicht intakte Beziehungen in der Familie und zu Freunden von größter Bedeutung. „Wer keine Verbindlichkeit in Bezug auf seine eigenen Bedürfnisse erlebt, hat auch für die Regeln der anderen wenig Verständnis.“ Bei der Vermittlung der Werte sei es zudem wichtig, dass Reaktionen auf Verstöße immer und sofort erfolgen und die Konsequenzen stets gleich und angemessen sind.

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