Wissenschaft
Labortest: Sich selbst von außen sehen

Durch eine spezielle Videobrille haben Forscher gesunden Probanden das Gefühl vermittelt, ihren eigenen Körper zu verlassen.

dpa WASHINGTON. Durch eine spezielle Videobrille haben Forscher gesunden Probanden das Gefühl vermittelt, ihren eigenen Körper zu verlassen. Der scheinbare Ausflug aus dem Körper glich den sogenannten außerkörperlichen Erfahrungen, wie sie auch von Schlaganfallopfern, Drogenkranken, Epileptikern oder häufig bei Nahtod-Erlebnissen berichtet werden.

Die Laborversuche könnten daher einen neuen Ansatz zur Erforschung dieses Phänomens liefern, das oft als Produkt der Einbildung abgetan werde, meinen die Wissenschaftler. Denn die neurobiologischen Grundlagen dieser Erlebnisse seien bis heute unverstanden. Beide Forschergruppen berichten im US-Fachblatt „Science“ über ihre Arbeit (Bd. 317, S. 1 048 und 1 096).

Als außerkörperliche Erfahrung (AKE), oft auch englisch „out-of- body experience“ genannt, wird ein Zustand bezeichnet, bei dem der Betroffene das Gefühl erlebt, sich außerhalb seines eigenen Körpers zu befinden und von außen betrachten zu können. Häufig wird dieses Phänomen von Menschen beschrieben, bei denen bestimmte Hirnfunktionen gestört sind.

Um den neurobiologischen Grundlagen des Phänomens näher zu kommen, veränderten die Forscher mit den Mitteln der virtuellen Realität die Selbstwahrnehmung ihrer Probanden. Eine Videobrille wurde dazu mit zwei Kameras verbunden. Das eine Kamerabild wurde auf das linke Auge, das andere auf das rechte Auge projiziert. Henrik Ehrsson, der am University College London und am Karolinska-Institut in Stockholm arbeitet, richtete die Kameras auf den Rücken der Versuchspersonen, so dass diese sich durch die Brille von hinten sahen.

Dann strich der Forscher mit einem Stab gleichzeitig über die tatsächliche Brust der Versuchspersonen sowie über die Stelle in der Luft unterhalb der Videokameras, an der sich die Brust des virtuellen Körpers befinden müsste. Nach zwei Minuten dieser Stimulation berichteten die Probanden, sie hätten das Gefühl, hinter ihrem physischen Körper zu sitzen und sich aus dieser Position zu beobachten.

In einem weiteren Experiment überprüfte Ehrsson die Illusion: Er strich wiederum über die Brust von Versuchsperson und virtuellem Abbild und begann dann, das Abbild mit Hammerschlägen zu traktieren. Die Probanden reagierten auf die virtuellen Schmerzen mit einer messbaren körperlichen Reaktion ­ sie hatten das Gefühl, die Bedrohung sei echt. Für die Selbstwahrnehmung sei besonders das wichtig, was die Augen sehen, sagte Ehrsson. „Mit anderen Worten: Unser Selbst befindet sich dort, wo unsere Augen sind.“

Ein deutsch-schweizerische Team um Olaf Blanke vom Polytechnikum Lausanne projizierte ebenfalls vor die Augen der Probanden ein Abbild ihrer selbst. Nach Abschluss der Stimulation führten die Forscher ihre Versuchspersonen einige Schritte vom Ort des Experiments weg und baten sie anschließend, sich wieder an ihren ursprünglichen Platz zu begeben. Die Probanden bewegten sich daraufhin in Richtung des virtuellen Körpers. Auch sie hatten offensichtlich Schwierigkeiten mit der Wahrnehmung und Positionierung ihres echten Körpers.

Ehrsson hatte kürzlich bereits gezeigt, dass das Gehirn auch eine Gummihand als eigene empfinden kann, wenn sie beispielsweise antelle der eigenen vor einem Probanden auf einem Tisch liegt. So beginnt die echte, unter dem Tisch ruhende Hand zu schwitzen, wenn der Gummihand ein Finger verbogen wird. Streicht der Experimentator mit zwei Pinseln zugleich über die andere echte Hand des Probanden und die Gummihand, fühlt der Proband die Pinselstriche in seinen beiden Händen, obwohl nur eine tatsächlich gereizt wurde.

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