Wissenschaft
Nur noch vier Prozent der Weltmeere unberührt

Nur noch rund vier Prozent der Weltmeere sind vom Menschen weitgehend unberührt. Mehr als 40 Prozent dagegen sind durch menschliche Eingriffe bereits stark angegriffen.

dpa BOSTON/WASHINGTON. Nur noch rund vier Prozent der Weltmeere sind vom Menschen weitgehend unberührt. Mehr als 40 Prozent dagegen sind durch menschliche Eingriffe bereits stark angegriffen.

Das geht aus der ersten globalen Meereskarte zu dem Thema hervor, die am Donnerstag zum Auftakt der Jahrestagung des US-Wissenschaftsverbands Aaas in Boston vorgestellt wurde. Unter Federführung der Universität von Kalifornien in Santa Barbara hatten dazu 19 Forschergruppen führender Universitäten, staatlicher und unabhängiger Institute die vorhandenen Daten zu Befischung, Klimawandel und Verschmutzung der Weltmeere ausgewertet.

Die auch im US-Fachjournal „Science“ (online vorab) veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass vor allem Korallenriffe bedroht sind: Fast die Hälfte ist durch die Folgen menschlicher Aktivitäten bereits stark geschädigt. Dabei wachsen viele dieser Nesseltiere so langsam, dass die Verluste nicht in überschaubarer Zeit zu ersetzen sind. So haben manche Tiefseekorallen vor der Küste Hawaiis bis zu 4 000 Jahre benötigt, um ihre heutige Größe zu erreichen, wie eine weitere Gruppe um Brendan Roark von der Universität Stanford (US-Staat Kalifornien) zum Tagungsauftakt in Boston berichtete.

Dieses ungeahnt hohe Alter der Korallen habe zweierlei Konsequenzen, sagte Roark. Zum einen sollte die „Ernte“ der besonders langlebigen Arten zur Schmuckherstellung umfassend verboten werden. „Es ist kein erneuerbarer Rohstoff“, betonte der Forscher. Zum anderen könnten sich alte Korallen aber als einzigartige Archive der Klimageschichte der Ozeane herausstellen.

Außer den Korallen sind der neuen Meereskarte zufolge auch Seegras-Matten, Mangroven-Wälder in Flussmündungsgebieten, unterseeische Berge, Felsenriffe und die Kontinentalsockel stark von menschlichen Eingriffen betroffen. Am besten schnitten bei der Bewertung weich-gründige Flachwasser und Tiefsee-Ökosysteme ab, obwohl auch sie an den meisten Stellen nicht mehr unberührt seien.

Laut Studie sind die Störungen am stärksten in der Nordsee zwischen Schottland und Norwegen, im Süd- und Ostchinesischen Meer, in der Karibik, im Mittelmeer, im Roten Meer, der Beringsee entlang der nordamerikanischen Ostküste und in weiten Teilen des westlichen Pazifiks. An der deutschen Nordseeküste attestierten die Forscher dem Meer noch einen relativ guten Zustand. Kaum betroffen sind bislang die Ökosysteme der Ozeane rund um den Nord- und Südpol, sie werden aber in Zukunft durch die schmelzenden Eiskappen gefährdet. Sehr geringe Auswirkungen zeigten sich auch vor der Küste Nord- Australiens, in Regionen des westlichen Zentralpazifiks und kleinen Flecken vor der südamerikanischen und afrikanischen Küste.

Im Hinblick auf die Meeresverschmutzung seien bislang nur jeweils Einzelaspekte untersucht worden. „Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Summe der jeweiligen Einwirkungen ein viel schlechteres Gesamtbild ergibt, als die meisten Leute erwartet hätten“, sagte Benjamin Halpern vom US-Zentrum für ökologische Analysen der Universität von Kalifornien in Santa Barbara.

Die Forscher sammelten Daten 17 verschiedener menschlicher Einwirkungen auf die Meere - von der Küstenentwicklung über Düngemittel-Einlauf bis zur Verschmutzung durch Schiffsverkehr - und bewerteten ihre Schädlichkeit für 20 unterschiedliche marine Ökosysteme. Fiorenza Micheli und ihr Team von der Universität Stanford unterteilten für die Meereskarte die Ozeane in Parzellen von einem Quadratkilometer Größe, für die jeweils Art, Anzahl und Belastung der Ökosysteme bestimmt wurden. „Unsere Hoffnung ist nun, dass diese Karte durch weitere Daten aktualisiert und noch präziser wird“, sagt Micheli. „Aber das wird das Bild wohl noch düsterer machen.“

Die Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (Aaas) gilt als größtes fachübergreifendes Forschertreffen der Welt. Bis zum Montag diskutieren dort rund 9 000 Teilnehmer aus mehr als 60 Ländern.

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