Wissenschaft
Teichrohrsänger kennen Breiten- und Längengrad

Teichrohrsänger haben allem Anschein nach einen echten Navigationssinn und finden ihr Ziel selbst dann wieder, wenn sie im Flugzeug mehr als 1 000 Kilometer vom Kurs abgebracht werden.

dpa OLDENBURG/LONDON. Teichrohrsänger haben allem Anschein nach einen echten Navigationssinn und finden ihr Ziel selbst dann wieder, wenn sie im Flugzeug mehr als 1 000 Kilometer vom Kurs abgebracht werden.

Das berichten überraschte Forscher um Professor Henrik Mouritsen von der Universität Oldenburg im Journal „Current Biology“ (online vorab veröffentlicht). Demnach erkennen die Tiere (Acrocephalus scirpaceus) nicht nur den Breitengrad, sondern auf noch nicht bekannte Weise auch den korrekten Längengrad ihrer aktuellen Position. Diese neuen Resultate ziehen die These in Zweifel, nach der Vögel in erster Linie entlang der Nord-Süd-Achse navigieren.

In dem Experiment hatte Mouritsen mit seinen Kollegen der Russischen Akademie der Wissenschaften die Vögel in der Gegend von Kaliningrad an der Ostseeküste gefangen. Die Tiere waren zu dieser Zeit in nordöstlicher Richtung unterwegs und hätten daher alsbald Estland, Lettland und Litauen überflogen. In einem Flugzeug wurden die Teichrohrsänger dann 1 000 Kilometer in Richtung Osten verfrachtet und in der Region von Swenigorod wieder freigelassen - an einem ganz anderen Längengrad.

Das ursprünglich angepeilte Ziel der Vögel lag nun im Nordwesten statt im Nordosten. Genau dorthin flogen die Teichrohrsänger auch, und orientierten sich damit exakt in Richtung ihrer ursprünglich angestrebten Brutplätze. „Das zeigt, dass sie die geographische Länge feststellen können, obwohl wir nicht wissen, wie sie das tun“, erklärte Nikita Tschernezow vom russischen zoologischen Institut. Die geographische Breite - also die Position entlang der Nord-Süd-Achse - könnten die Tiere hingegen verhältnismäßig einfach mit Hilfe des Sonnenstands ermitteln.

Wie die Vögel den Längengrad feststellen, wollen die Forscher mit weiteren Experimenten untersuchen. Mouritsen spekuliert, dass die Tiere vielleicht eine besonders feine Wahrnehmung von Magnetfeldern besitzen und so auch zwischen Ost und West unterscheiden können. „Russland eignet sich als großes Land für diese Experimente besonders gut, weil wir die Vögel über große Strecken versetzen können, ohne Grenzen zu überqueren. Hier in Europa müssten wir dafür erst Anträge stellen und Verzögerungen in Kauf nehmen“, erläuterte der Oldenburger Biologe. Das Wissen über die Navigation der Vögel habe auch praktischen Nutzen: „Wenn es gelingt, das Zugverhalten der Vögel zu verstehen, können bedrohte Arten vor dem Aussterben geschützt werden.“

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