Wissenschaft & Debatte
Die Freiheit, nichts Böses zu tun

Biologe Martin Wikelski erinnert sich gut an die Ratschläge seiner Professoren: "Ich solle unbedingt nach Amerika gehen. Wenn ich dann zurückkäme, würde mich jeder mit Handkuss nehmen." Wikelski tat es und machte Karriere. Seit einigen Monaten ist er Assistenzprofessor in Princeton - eine unbefristete Stelle an einer Elite-Uni, ein Traumjob.

HB DÜSSELDORF. Aber er würde gerne zurückkehren, Ja sagen zu Deutschland, wie es sich die "Du bist Deutschland"-Kampagne wünscht. Wikelski bewarb sich bei einem Max-Planck-Institut. Erfolglos. Er habe ja eine tolle Stelle in den USA, da müsse er doch nicht zurückkommen, sagte ein Mitglied der Besetzungskommission. Wer die Stelle kriegte, war vermutlich längst ausgemacht. Das entspricht dem Bild des deutschen Wissenschaftsbetriebes im Ausland: "Wir leiden unter dem Ruf, zu hierarchisch zu sein", sagt Evolutionsbiologe (und Handelsblatt-Kolumnist) Axel Meyer, der viele Jahre in den USA gearbeitet hat.

Auf den ersten Blick scheint Deutschland für die wissenschaftliche Elite nicht allzu verlockend zu sein: Die Universitäten sind im internationalen Vergleich unterfinanziert und tauchen in den Ranglisten von Scientific Thomson kaum unter den meistzitierten 50 auf. Und das gesellschaftliche Klima ist wenig wissenschaftsfreundlich. "Naturwissenschaften gelten leider nicht mehr als cool", sagt Biochemie-Professor Matthias Mann vom Max-Planck-Institut in Martinsried. 79 Prozent der Deutschen glauben zwar nach einer EU-Umfrage, dass unsere Wirtschaft nur durch hoch entwickelte Technologie wettbewerbsfähig sein könne. Aber Wissenschaftler erfahren Unverständnis oder gar Ablehnung: "Die Selbstverständlichkeit, dass wir etwas Gutes tun, ist in der Öffentlichkeit nicht mehr da. Man muss schon oft erklären, dass man nichts Böses macht", sagt Mann. Die Naturwissenschaften haben ein Imageproblem. Angst, als Lehnwort schon ins Englische eingegangen, beherrscht viele Deutsche, wenn sie von Genforschung oder Atomphysik hören, auch Politiker. Je geringer das Wissen, desto größer ist sie. "Bizarr" findet Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, dass hier zu Lande Stammzellforschern verboten ist, was in England erlaubt ist.

Steht es also schlecht um die Naturwissenschaften in Röntgens und Heisenbergs Land? "Es ist nicht leicht, überall an der Spitze zu sein. Aber auf vielen Feldern sind wir sehr gut", sagt Hubert Markl, ehemaliger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Ihre Institute sind zweifellos erstklassig. Theodor Hänschs Nobelpreis für seine Leistungen in der Quantenoptik beweist, dass ihre Strategie der größtmöglichen Freiheit erfolgreich ist. "Grundlagenforscher müssen ohne ständiges Drängen auf unmittelbare Verwertbarkeit ihrer Ergebnisse arbeiten können - dann ist die Hoffnung auf unerwartet innovative Entdeckungen und Erkenntnisse umso größer", sagt Markl. Hänschs "Frequenzkamm" kann die Frequenz des Lichts präzise messen. Das ist etwa zur Konstruktion von Atomuhren anwendbar. Auch in der Materialforschung, der Evolutionsbiologie, der Hirnforschung und anderen Lebenswissenschaften sind deutsche Forscher Weltklasse. "Die größten Erfolge", so Markl, "sind da zu verzeichnen, wo verschiedene Disziplinen zusammenwirken." Das künftige Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns geht diesen Weg. Genetiker, Zellbiologen und Biochemiker arbeiten mit Geisteswissenschaftlern zusammen.

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