Wissenschaft
Warum wir etwas interessant finden

Eine laute Polizeisirene zieht sogleich unsere Aufmerksamkeit auf sich. Oder auch eine Frau in knallroter Abendrobe unter lauter dunkel gekleideten Männern. Wir können unsere Aufmerksamkeit jedoch auch willentlich und aktiv lenken.

dpa HAMBURG. Eine laute Polizeisirene zieht sogleich unsere Aufmerksamkeit auf sich. Oder auch eine Frau in knallroter Abendrobe unter lauter dunkel gekleideten Männern. Wir können unsere Aufmerksamkeit jedoch auch willentlich und aktiv lenken.

Etwa wenn wir auf einer lauten Party dem Getuschel am Nebentisch lauschen. Die neurobiologische Forschung hat neuerdings viele einzelne Erkenntnisse über die Gehirnfunktionen erbracht, welche die Aufmerksamkeit steuern. So etwa, wie entschieden wird, was wir interessant finden.

Das Magazin „Gehirn & Geist“ (Heidelberg) widmete dem Thema kürzlich einen Forschungsüberblick. Experimente zeigen demnach, dass die Steuerung der Aufmerksamkeit auch von unserem Emotionssystem abhängen. Hierauf deutet zum Beispiel die Beteiligung des limbischen Systems im Hirn hin, dass unter anderem für Gefühle und Bewusstsein eine Rolle spielt.

Forscher vermuten, dass unser Gehirn ständig „Vorhersagen“ zu erwarteten Reize erzeugt. Alle tatsächlich eintreffenden Reize setzen ihrerseits bestimmte Kopplungsmuster in Gang. Passen diese zur Erwartung, werden die betreffenden Signale verstärkt und weitergeleitet. Bei enttäuschter Erwartung werden die eingelaufenen neuronalen Botschaften dagegen häufig gelöscht.

Ein besonders anschauliches Beispiel ist ein Experiment der Psychologen Daniel J. Simons und Christopher F. Chabris von der Harvard-Universität in Boston (US-Staat Massachusetts). Sie zeigten Probanden ein kurzes Video, in dem sich zwei Basketballteams mit je drei Spielern einen Ball zuspielen. Die Probanden sollten zählen, wie oft sich die Mannschaft in weißen Trikots den Ball zupasst. Jeder zweite Teilnehmer bemerkte nicht, dass einer der Spieler in Schwarz ein Gorilla war. Alle aus der Retina einlaufenden Informationen über einen Affen widersprachen vollkommen der neuronalen Erwartung.

Eine grundlegende neue Erkenntnis der Aufmerksamkeitsforschung ist die Bedeutung der Synchronisation in den Gehirnarealen. Sie bringt offensichtlich Ordnung in die Welt des Geistes. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten, synchronisiert sich die Aktivität aller Nervenzellen, die sich mit demselben Objekt befassen.

Dies ist vermutlich eine Voraussetzung dafür, dass die Information ins Bewusstsein gelangt. Aktive Aufmerksamkeit verbessert die Synchronisation. Die vom Gehirn ständig erzeugten neuronalen Vorhersagen hängen also nicht nur von den äußeren Reizen ab, sondern auch von der inneren Dynamik des Gehirns. Auf diese Weise beeinflussen auch Absichten, Erwartungen oder Stimmungen das Wahrnehmen und Erleben der Umwelt.

Ein Experiment zum Wahrnehmungsphänomen der Aufmerksamkeitslücke, an dem Andreas Engel vom Universitätsklinikum Hamburg mitwirkte, könnte auch praktische Bedeutung im Alltag haben. Versuchsteilnehmern wurde im Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung eine Buchstabenfolge präsentiert, bei der zwischen den schnell abwechselnden schwarzen Lettern ein grüner Buchstabe erschien. Die Probanden mussten anschließend sagen, ob es ein Vokal war. Sie sollten auch auf ein schwarzes X achten, das zu verschiedenen Zeiten nach den ersten grünen Buchstaben auftauchte.

Etwa die Hälfte der Teilnehmer nahm das X überhaupt nicht wahr, wenn es sehr schnell auf den grünen Buchstaben folgte. Verstrich mehr Zeit nach dem ersten Reiz, erhöhte sich die Erkennungsquote. Daraus ließe sich folgern, dass es sinnvoller ist, im Straßenverkehr zwei verschiedene Schilder nicht hintereinander, sondern nebeneinander aufzustellen. Denn bei Tempo 100 und einem Abstand von beispielsweise zehn Metern zwischen zwei Schildern fällt das zweite genau in die Aufmerksamkeitslücke eines Fahrers.

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