Wissenschaft
Wissenschaftler entschlüsseln Alkoholiker-Gen

Abhängigkeit vom Alkohol kann nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern auch an den Genen liegen. Menschen mit bestimmten Genveränderungen tränken mehr und häufiger, berichteten Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes (Ngfn) am Mittwoch in Bonn.

dpa BONN. Abhängigkeit vom Alkohol kann nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern auch an den Genen liegen. Menschen mit bestimmten Genveränderungen tränken mehr und häufiger, berichteten Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes (Ngfn) am Mittwoch in Bonn.

Sie entschlüsselten zwei Gen-Varianten, durch die Trinkgewohnheiten beeinflusst werden. Betroffene betränken sich im Schnitt doppelt so häufig wie andere Menschen und tränken bei jedem Anlass im Schnitt auch wesentlich mehr.

Beide jetzt entschlüsselten Varianten im Crhr1-Gen sind nach Angaben der Forscher in der Bevölkerung weit verbreitet. Etwa jeder Fünfte beziehungsweise jeder Zehnte weise diese Veränderung im Erbgut auf.

Beide Veränderungen sprächen nur einen sehr spezifischen Aspekt des Trinkverhaltens an, erklärte Prof. Gunter Schumann, der am Institut für Psychiatrie des King's College London und am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim tätig ist. Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er 600 alkoholabhängige Menschen mit unterschiedlichem Trinkverhalten.

Neben den Crhr1-Varianten gebe es noch noch viele weitere Gene, die - zusammen mit äußeren Faktoren - das Trinkverhalten beeinflussten, erläuterte Schumann. „Alkoholsucht wird zu 50 bis 60 Prozent vererbt.“ Das zeigten auch Untersuchungen an Kindern, deren leibliche Eltern Alkoholiker waren, die aber in Pflegefamilien ohne Alkoholmissbrauch aufgewachsen sind. „Das Risiko, dass diese Kinder Alkoholiker werden, ist drei- bis vier Mal erhöht.“

Das Crhr1-Gen liefert laut Schumann die Bauanleitung für ein Protein, das bei der Verarbeitung von Stress eine Rolle spielt und wichtig ist, um Gefühle zu steuern. Bei Mäusen mit defektem Crhr1-Gen habe sich gezeigt, dass sie in Stresssituationen deutlich mehr Alkohol tränken als ihre Artgenossen, erläuterte Prof. Rainer Spanagel, der im Genomforschungsnetz ebenfalls nach den Ursachen der Alkoholabhängigkeit fahndet. „Bei uns Menschen ist das vermutlich ähnlich. Wenn wir gegen den Stress nicht mehr ankämpfen können, trinken wir mehr Alkohol.“

Mit der Kenntnis der genetischen Ursachen der Sucht könne sich die Möglichkeit eröffnen, maßgeschneiderte Medikamente für die Behandlung von Alkoholikern zu entwickeln, hieß es. Die Ergebnisse der Ngfn- Forscher wurden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“ veröffentlicht.

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