Wissenschaft: Zerstörungsfreie Stammzellgewinnung stößt auf Skepsis

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Zerstörungsfreie Stammzellgewinnung stößt auf Skepsis

US-Forscher haben nach eigenen Angaben menschliche embryonale Stammzellen gewonnen, ohne den Embryo zu zerstören. Deutsche Forscher reagieren allerdings mit Skepsis.

dpa CAMBRIDGE/HAMBURG. US-Forscher haben nach eigenen Angaben menschliche embryonale Stammzellen gewonnen, ohne den Embryo zu zerstören. Deutsche Forscher reagieren allerdings mit Skepsis.

„Man kann nicht garantieren, dass die Prozedur den Embryo nicht schädigt“, betonte Prof. Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Stammzellforschung, Prof. Jürgen Hescheler aus Köln, bewertet die Methode zwar als „sehr gute Quelle für menschliche embryonale Stammzellen“. Aber bietet sich deutschen Forschern damit ein alternativer Weg zur Stammzellgewinnung?

„Das kann man mit einem klaren Nein beantworten“, sagte der Bonner Stammzellforscher Prof. Oliver Brüstle. „Diese Befunde haben keine Relevanz für die momentane deutsche Situation. Der hier genutzte Eingriff, um die einzelnen Zellen zu gewinnen, ist in Deutschland nicht legal.“

Die Wissenschaftler um Robert Lanza von der US-Firma Advanced Cell Technologies (ACT) berichten im Fachjournal „Cell Stem Cell“ (online vorab veröffentlicht) von ihrer Technik, Stammzellen für den Embryo schonend zu gewinnen. Dazu entnahmen die Wissenschaftler im Reagenzglas befruchteten Embryonen im Acht-Zell-Stadium jeweils eine oder zwei Zellen, sogenannte Blastomeren. Diese Technik wird auch für die sogenannte Präimplantationsdiagnostik bei Reagenzglasembryonen genutzt, ist in Deutschland aber durch das Embryonenschutzgesetz verboten.

Aus insgesamt 43 Embryonen gewannen die Forscher um Lanza auf verschiedenen Wegen fünf Stammzelllinien. Die Stammzellen entwickelten sich im Labor in alle drei Keimblätter des Menschen. Die meisten Embryonen reiften nach der Zellentnahme bis zum sogenannten Blastozystenstadium und wurden dann von den Forschern eingefroren. „Sie haben nicht gezeigt, dass sich ein Kind daraus entwickeln kann“, erläuterte Hescheler. Weltweit seien aber zahlreiche mit Hilfe der PID untersuchte Reagenzglasbabys gesund geboren worden.

Heschelers Münchner Kollege Prof. Wolfgang-Michael Franz sieht jedoch keinen großen praktischen Wert in der Methode. „Welches Ehepaar würde seinen Embryo zur Verfügung stellen, um einzelne Blastomeren entnehmen zu lassen?“, gab der Wissenschaftler der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zu bedenken. Auch Brüstle hält es für „unwahrscheinlich, dass Forscher oder Eltern gesunde Embryonen vor der Implantation in die Gebärmutter einer solchen Prozedur aussetzen würden“, ohne dass ein Grund für eine Präimplantationsdiagnostik vorliegt.

Bislang müssen Embryonen zur Gewinnung embryonaler Stammzelllinien extra erzeugt und zerstört werden. Zwei Forscherteams aus Japan und den USA hatten allerdings kürzlich Aufsehen mit der Rückprogrammierung menschlicher Hautzellen ins Embryostadium erregt, mit der sich sogar maßgeschneiderte embryonale Stammzellen für Patienten erzeugen lassen könnten. „Die meisten Forscher konzentrieren sich nach meinem Eindruck derzeit auf diese Reprogrammierung“, sagte Hescheler. Ob der Durchbruch einmal bei der Reprogrammierung oder bei der Stammzellgewinnung aus dem Embryo erfolgen werde, lasse sich aber noch nicht absehen.

Die Gruppe um Lanza war im Jahr 2006 für eine Veröffentlichung in die Kritik geraten. Sie hatte damals behauptet, menschliche embryonale Stammzellen ließen sich zerstörungsfrei gewinnen, lieferte aber keinen Beleg dafür. Die Studie wurde auf die Kritik hin und wegen kleinerer Fehler später „ergänzt“. Die neue Veröffentlichung zeigt nun neben einer deutlich verbesserten Effizienz, dass 80 bis 85 Prozent der betroffenen Embryonen zumindest bis ins Blastozystenstadium reiften, und könnte den Beleg für die frühere Behauptung damit nachreichen.

Von Till Mundzeck, dpa

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