Wissenschaftlicher Entrepreneur: Der Kyoto-Ketzer

Wissenschaftlicher Entrepreneur
Der Kyoto-Ketzer

Gewagte These: Das Kyoto-Protokoll bringe einen kaum messbaren Beitrag zum Klimaschutz, behauptet der dänische Umweltkritiker Björn Lomborg und zieht damit gegen die herrschende Lehre vom Klimaschutz zu Felde.

BERLIN. Der Star auf dem Podium trägt ein hellblaues T-Shirt. Um ihn herum im Berliner Adlon staunen die Zweireiherträger der deutschen Industrie über den dänischen Politikwissenschaftler und Statistiker Björn Lomborg - nicht nur über das Outfit des jugendlichen Professors, mehr noch über seine radikalen Thesen, mit denen er ausspricht, was sie sich vor lauter politischer Korrektheit schon längst nicht mehr zu denken trauen: Das Kyoto-Protokoll, um das auf Weltgipfeln Scharen von Klimafunktionären verhandeln und das der deutschen Industrie riesige Lasten aufbürdet, bringe einen kaum messbaren Beitrag zum Klimaschutz.

Schlimmer noch: Was als Rettung des Blauen Planeten verkauft wird, koste Jahr für Jahr mindestens 60 000 Menschen das Leben - weil knappe Mittel für fragwürdige Klimaschutzmaßnahmen verpulvert würden, statt sie für die wirksame Bekämpfung von Hunger und Aids einzusetzen. Und weil das noch nicht reicht, setzt Lomborg noch eins drauf: Wenn Deutschland weiterhin an der Spitze der Umweltpolitik marschiere, wie es gerade der neue Umweltminister Sigmar Gabriel versprochen hat, dann verantworteten die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger den Tod von Hunderttausenden, das weitere Elend in der Dritten Welt und weitere Katastrophen wie die Überschwemmung von New Orleans infolge des Wirbelsturms "Katrina", weil für Vorsorge und Deiche keine Mittel mehr zur Verfügung stünden.

Björn Lomborg ist zum Anti-Star und Advocatus Diaboli der Umweltschutzbewegung geworden. Er zählt zu den "Young Global Leaders" des World Economic Forums, ist Bestsellerautor, Vortragskünstler, Professor, als Wissenschaftler von eher zweifelhaftem Ruf sowie bekennender Schwuler. Letzteres ist wichtig, denn er ist vor allem politischer Aktivist und eine wandelnde One-Man-Show im Kampf gegen das klimapolitische Establishment in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik: Nach Berlin hat ihn der CDU-nahe Wirtschaftsrat eingeladen, um die Spitze der Wirtschaft auf den von Bundeskanzlerin Merkel angekündigten Energiegipfel einzuschwören. Auf diesem Gipfel hofft man, die Kostenbelastung durch die rot-grüne Klimaschutzpolitik ebenso zu mildern wie den Ausstieg aus der Kernenergie umzukehren.

Lomborg soll Anstöße und Selbstbewusstsein liefern. Er ist Teil eines globalen Kampfes um Deutungshoheit wissenschaftlicher Daten und Zusammenhänge: Lomborg wird von Think-Tanks promotet, die sich wie die Heritage-Foundation ihrer Nähe zu US-Präsident George W. Bush rühmen. Und keiner ist so geeignet wie der Däne, die öffentliche Meinung zu drehen: Sein Habitus und seine Rhetorik passen so gar nicht zur deutschen Energiewirtschaft - aber umso besser zu den vielfältigen Foren der globalen Gutmenschen.

Das macht ihn einerseits schwer angreifbar für mittlerweile arrivierte Öko-Aktivisten und wirkungsvoll für den argumentativen Gegenangriff. Wenn er pathetisch von Aids-Opfern aus Kenia berichtet, Hungertote in Somalia vorrechnet oder schildert, wie sich Menschen vergiften, weil sie schmutziges Wasser trinken müssen, dann spricht das personifizierte Weltgewissen, das sich sonst nur in einer der vielen Nichtregierungs-Organisationen (NGO) mitteilt.

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