Wissensgesellschaft: Unternehmen Universität

Wissensgesellschaft
Unternehmen Universität

In der klassischen Antike galt Wissen als Inbegriff des Menschlichen, als Lebensform. Von dieser Idealvorstellung sind die als Unternehmen geführten Hochschulen dieser Tage weit entfernt. Immer mehr Wissenschaftler kritisieren die Ökonomisierung der Bildungsanstalten. Langfristig, so ihr Vorwurf, leide die Innovationsfähigkeit.
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DÜSSELDORF. Die Politik der westlichen Welt ist sich zumindest in einem einig: Die Gesellschaft soll eine Wissensgesellschaft mit einer Wissenswirtschaft (knowledge economy) sein.

Die Kritik an der real existierenden Wissensgesellschaft wird aber nun ausgerechnet dort immer lauter, wo das Wissen produziert wird, an den Hochschulen. Denn die Wissensgesellschaft bedeutet nicht, dass wissenschaftliches Denken die Gesellschaft und Wirtschaft dominieren soll, sondern eher das Umgekehrte. Von Politik und Wirtschaft unter der Parole „Bologna“ getrieben, machen die Hochschulen derzeit einen grundlegenden Wandel durch: Sie werden Dienstleistungsunternehmen immer ähnlicher. Die „unternehmerische Universität“, die ihre Produkte (Ausbildung, Forschungsergebnisse) im Wettbewerb um Kunden (Studenten, Drittmittelgeber) anbietet, ist zum offen propagierten Konzept der meisten Universitätspräsidenten geworden.

Wissen ist nicht nur als Ware zu betrachten

Immer mehr Professoren, vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler, kritisieren diese Ökonomisierung mittlerweile. In Leipzig fand vor wenigen Wochen ein Kongress statt unter dem Titel: „Wie viel Ökonomie braucht und wie viel Ökonomie verträgt die Wissensgesellschaft?“ Einer der dort auftretenden Ökonomisierungskritiker ist ausgerechnet ein Ökonom, der Frankfurter Volkswirt Bertram Schefold. Sein Appell: Wissen sei nicht nur als Ware zu betrachten. Hinter der heute dominanten Vorstellung der Wissensgesellschaft stehe die falsche Annahme, dass „alles Wissen, alle persönliche Bildung, alle kulturelle Hervorbringung auf individuelle Konsumierbarkeit zurückzuführen“ sei. Die allzu konsequente Verfolgung des Ziels, eine Wissensgesellschaft zu etablieren, untergrabe sich selbst. Denn die strenge Formalisierung des Wissens und der Prozesse seiner Vermittlung, so Schefold, drohten „der Wissenskultur ihr Bestes zu nehmen“, nämlich das Bildungserlebnis. „Diese Veränderungen der Person und der Entwicklung ihrer Kultur liegen außerhalb des ökonomischen Horizonts“, schreibt der Ökonom.

Wissen galt seit der klassischen Antike als höchste Form menschlicher Arbeit, als Lebensform, ja als Inbegriff des Menschlichen überhaupt, wie der berühmte erste Satz in Aristoteles’ „Metaphysik“ verdeutlicht: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ Mit anderen Worten, Wissenschaft ist sich selbst ein Zweck, sogar der höchste, und nicht nur Mittel zu einem externen Zweck. Die Wissensgesellschaft der Gegenwart hat, so beklagt der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß in seinem Leipziger Vortrag, mit diesem Menschenbild nicht viel zu tun. Es habe sich die „merkwürdige Vorstellung“ etabliert vom Wissen als handelsfähige Waren, die vom persönlichen Erleben gelöst ist. „Wissen ist heute für große Teile der Gesellschaft etwas geworden, mit dem man umgeht, das man nutzt, das man aber nicht mehr selbst betreibt.“

Mittelstraß erkennt einen allgemeinen „Perspektivenwechsel“, der für die Universitäten und die Wissenschaft gefährlich werden könnte. „Wir haben in der Universitätspolitik verlernt, von der Wissenschaft, von ihren wohlverstandenen Bedürfnissen und Erfordernissen her zu denken.“ Eine „unternehmerische Universität“ mache aus dem universalen Ziel der Wissenschaft ein Mittel zum ökonomischen Zweck. „Die Optik wechselt von der Forschung selbst auf deren Erträge.“

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  • Prinzipiell stellt sich die Frage:
    Warum bologna, wenn es Erasmus gibt? Studenten, welche über das Erasmus Programm im Ausland studieren, verbringen den Großteil ihrer Zeit mit dem „kulturellen Austausch“ und Zeit für ein wenig Ruhe vom Lernstress der Heimuniversität. Um das Thema bologna richtig anpacken zu können, sollte man zunächst Erasmus abschaffen und jegliche Form des kulturellen Austausches unterbinden, da hier ökonomisch wertvolle Zeit verbrannt wird. Zeit ist eine maßgebliche Komponente für innovation und letzteres wird in den nächsten Jahren für Deutschland immer wichtiger, da innovation Wachstumstreiber Nummer eins ist.

    Für mich stellt sich immer die Frage, warum die Verantwortlichen von bologna so wenig Verstand aufgebracht haben die Einführung des Studiensystems für Europa kritisch zu hinterfragen. Nicht nur, dass wir in Deutschland mit unserem Dipl. ing. eine wertvolle Marke verloren haben, noch mehr weil wir Studenten dazu führen unter chronischem Zeitmangel zu leiden. Das führt unwiderruflich zu weniger bereitschaft eigen ideen in die Tat umzusetzen. Letzteres ist nichts anderes als innovation. Die Tatsache, dass das insbesondere Deutschland nicht fähig ist ein einheitliches bildungssystem deutschlandweit implementieren zu können, hätte die Frage bezüglich bologna schon entsprechend beantworten können. Wie konnte man so blind sein und weitere Faktoren, welche entscheidend für unser zukünftiges Wachstum sind, ausblenden. Zudem lassen sich mit bologna alle Studenten in eine Schublade schieben. Das war unter dem Diplom nicht unbedingt der Fall. Viele Leute waren fähig sich die Zeit für ihre ideen nehmen zu können. Dies ist unter bologna schlichtweg nicht mehr möglich. Die Frage wie viele ideen, mehr noch innovation und schlussendlich Wachstum durch die europäische Verschulung an den Universitäten verloren geht lässt sich wohl nicht in Zahlen feststellen. ich weiß jedoch nur eins, ein durchschnittlicher Student aus Spanien studiert mit Sicherheit nicht wie ein durchschnittlicher Student aus Deutschland. Jetzt müsste man nur noch kritisch hinterfragen, was „durchschnittlich“ bedeutet. in diesem Sinne wünsche ich bologna viel Erfolg. Da eine bildungspolitik und ein einheitliches Europa im ökonomischen Sinne sehr stark mit unserem Finanzsystem zusammenhängen darf man nur gespannt in die Zukunft schauen. Wenn das Finanzsystem ein indikator für bildung und Wachstum wäre, dann würde uns Griechenland und demnächst auch Portugal die kritischen Fragen bezüglich bologna schnell beantworten.

  • Die Ökonomisierung der bildung verflacht die Wissensvermittlung (und Forschung) zur Ausbildung für kurzfristig verwertbare Tätigkeiten, die eine globale Gesellschaft in die Stagnation treibt und Wirtschaftskrisen fördert. in der Wirtschaftswissenschaft hat dies dazu geführt, dass über Alternativen zu einer ausschließlich durch Wachstum stabil zu haltenden Marktwirtschaft nicht oder nur am Rande nachgedacht bzw. geforscht wird. Danke für den Anstoß, über diese "falschen" Entwicklungen nachzudenken.

  • Dass das Handelsblatt, das für mich bisher ein seriöser informationen-Anbieter ist, derart unkritisch die ideologischen Seifenblasen der Don Quixotes aus dem Elfenbeinturm darbietet, hat mich schon gewundert. Weder die bologna-Erklärung noch die immer noch dringend nötigen bemühungen des CHE um eine schrittweise Anpassung der vielerorts noch mittelalterlich verfassten Hochschulen an die bedürfnisse einer lernenden Gesellschaft geben den Popanz her, der hier von den Verteidigern ihrer Standespfründen angegriffen wird. im Gegenteil: Lernen statt belehrung gehört dazu. Aber natürlich gilt es auch, die da und dort noch erkennbare Verschwendung öffentlicher Mittel unter dem Vorwand der Wissenschaftsfreiheit abzubauen. Mit Ökonomisierung der Hochschulen hat das aber nichts zu tun. Nur als Unternehmen in bildung und Forschung haben die Hochschulen die Chance, das hohe Gut der Freiheit, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen und zu geben oder auch zu schweigen, zu bewahren. Unternehmen, soweit es um die infrastruktur und die sie betreffenden Entscheidungsprozesse geht.

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