Zu wenig Finanzmittel
Forschungsflaute gefährdet Standort

Seit Jahren predigen Politiker aller Couleur, dass sich Deutschland in Zeiten der Globalisierung zu einer Wissensgesellschaft entwickeln muss. Bildung und Innovation sind die Schlagwörter. Doch die Forschung hierzulande leidet unter sinkenden Investitionen von Staat und Wirtschaft. Die Zeit läuft davon, warnen Experten.

BERLIN „Was wir heute nicht in Forschung investieren, können wir morgen nicht in Form von Innovationen ernten“, sagte Jürgen Hambrecht, Vizepräsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, gestern in Essen. Die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) von Staat und Wirtschaft sanken 2004 von 2,52 Prozent auf 2,48 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – zuvor war dieser Anteil fast ein Jahrzehnt kontinuierlich gestiegen.

„Auch die Plandaten der Unternehmen für die Jahre 2005 und 2006 lassen keine nennenswerten Steigerungen erwarten“, sagte Hambrecht. „Der Forschungsstandort Deutschland entwickelt sich kaum weiter.“ So könne die EU-Zielmarke von 3,0 Prozent bis 2010 nicht erreicht werden, mahnte Hambrecht, der auch Chef des Chemiekonzerns BASF ist. Diese Vorgabe hatte sich die EU im März 2000 im Rahmen des Lissabon-Prozesses zur Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit gesetzt. Umfassende Reformen sollen die EU bis 2010 zu einem der wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsräume der Welt machen.

Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) gab sich dennoch optimistisch, dass die EU-Zielvorgaben eingehalten werden können. Sie verwies auf den Kabinettsbeschluss, in dieser Legislatur sechs Mrd. Euro zusätzlich für FuE auszugeben. „Damit geht die Bundesregierung in Vorleistung“, sagte Schavan. „Wir erwarten von den Ländern und von der Wirtschaft, dass auch sie ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung steigern.“

Der Stifterverband hält dagegen: Um ihren Teil zum Drei-Prozent-Ziel beizutragen, müsse die öffentliche Hand statt sechs zwölf Mrd. Euro zusätzlich aufbringen, rechnete Hambrecht vor. Zudem sei der Anteil des Staates an den gesamten FuE-Ausgaben seit Mitte der 90er-Jahre von damals 38 Prozent kontinuierlich gesunken – 2004 waren es nur noch 30 Prozent. Entsprechend größer wurde das Gewicht der Wirtschaft. „Die Schere geht immer weiter auf“, warnte Hambrecht. Ein „Alarmsignal“ sei dies vor allem für die Grundlagenforschung. „Sollte sich das fortsetzen, droht dem Wissenschaftsstandort nachhaltiger Schaden.“

Entwarnung gibt der Stifterverband hingegen mit Blick auf die Globalisierung: „Der allenthalben vorgebrachten Klage, der Innovationsstandort Deutschland würde durch FuE-Verlagerung ins Ausland zunehmend erodieren, können wir nicht folgen“, sagte der Generalsekretär des Verbandes, Andreas Schlüter. Einerseits hätten die deutschen „Multinationals“ 2003 nur noch für knapp elf Mrd. Euro im Ausland forschen lassen – 2001 waren es noch zwölf Mrd. Euro. Überkompensiert wurde dies zudem durch Forschungsausgaben ausländischer Unternehmen. Diese steckten in ihren deutschen Tochterfirmen zuletzt gut zwölf Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung.

Damit entfällt rund ein Viertel der gesamten Firmenforschung in Deutschland auf ausländische Firmen. „Das ist ein klares Indiz für die zunehmende Internationalisierung“, sagte Schlüter. Den Untersuchungen des Stifterverbandes zufolge gaben die Unternehmen 2004 insgesamt gut 46 Mrd. Euro für FuE aus. Für das laufende Jahr werden 48 Mrd. Euro erwartet. Traditionell dominierend ist die Automobilindustrie, die jeden dritten FuE-Euro der Wirtschaft ausgibt. Nach einem leichten Zuwachs 2005 plant die Leitbranche jedoch dieses Jahr wieder eine Reduzierung. Moderate Steigerungen meldet die Elektroindustrie. Die Chemieindustrie hingegen – Platz drei bei den FuE-Ausgaben – hat ihre Anstrengungen 2005 um gut sechs Prozent ausgeweitet. Der Maschinenbau hat 2005 mit minus 2,9 Prozent kräftig auf die Bremse getreten und plant 2006 nur ein minimales Plus.

Als „Warnsignal, dem es entgegenzusteuern gilt“, wertete der Chefstatistiker des Stifterverbandes, Christoph Grenzmann, den Rückzug der kleinen und mittleren Unternehmen aus Forschung und Entwicklung. Ihr traditionell ohnehin geringer Anteil sank weiter auf nunmehr elf Prozent.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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